Die häusliche Blutdruckmessung gilt als zentraler Bestandteil der modernen Hypertoniebehandlung. Leitlinien empfehlen wiederholte Messungen im häuslichen Umfeld, um ein realistischeres Bild der Blutdrucksituation zu erhalten und den sogenannten Weißkitteleffekt zu vermeiden. Eine aktuelle Analyse eines Hypertonieprogramms des Mass General Brigham Hospital in Boston zeigt jedoch, dass viele Betroffene diese Anforderungen im Alltag nur schwer umsetzen können. Selbst unter günstigen Bedingungen bleibt das Engagement für die Heimselbstmessung häufig begrenzt.
Untersucht wurden Daten von 3.390 Patienten und Patientinnen mit unkontrollierter arterieller Hypertonie, die zwischen 2018 und 2022 an einem remote organisierten Hypertonie-Managementprogramm teilnahmen. Die Teilnehmenden erhielten automatische Heimblutdruckmessgeräte, Schulungen sowie eine kontinuierliche telefonische Betreuung durch speziell geschulte Patientenunterstützer. Auf Grundlage der übermittelten Messwerte erfolgte eine algorithmusgestützte Anpassung der antihypertensiven Medikation. Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden bis zu 28 Messungen pro Woche erwartet, verteilt über mehrere Tage. Dieses Vorgehen orientiert sich an Empfehlungen der American Heart Association (AHA), nach denen mehrere Messungen täglich über mehrere Tage hinweg erforderlich sind, um einen belastbaren Durchschnittswert zu erhalten.
Klare Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität
Die nun in JAMA Cardiology veröffentlichte Auswertung zeigt jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Zwar konnten Teilnehmende, die regelmäßig Messungen durchführten und das Programm aktiv nutzten, ihren Blutdruck deutlich senken. Ein erheblicher Teil der eingeschlossenen Personen beteiligte sich jedoch kaum oder gar nicht an der vorgesehenen Selbstkontrolle. Fast ein Drittel der Teilnehmer und Teilnehmerinnen (32,7 %) dokumentierte im Beobachtungszeitraum überhaupt keine Messung pro Woche und fiel damit in die Kategorie „kein Engagement“. Weitere 14,3 % erreichten lediglich ein niedriges Engagement mit maximal elf Messungen pro Woche. Etwa ein Drittel der Teilnehmenden (34,8 %) erfüllte dagegen die Kriterien für ein hohes Engagement mit 24 bis 28 Messungen wöchentlich, während sich 18,2 % im mittleren Bereich mit zwölf bis 23 Messungen bewegten.
Für die Studienautoren und -autorinnen verdeutlichen die Ergebnisse ein strukturelles Problem der derzeitigen Empfehlungen. Es reiche nicht aus, Patienten und Patientinnen Geräte zur Verfügung zu stellen und sie zur regelmäßigen Selbstmessung anzuhalten. Die Leitlinien verlangten einen beträchtlichen zeitlichen Aufwand und eine relativ präzise Taktung der Messungen, die sich im Alltag vieler Betroffene nur schwer realisieren lasse. Die Realität des täglichen Lebens mache diese Anforderungen häufig unrealistisch, so das Autorenteam.
Seniorautorin Naomi Fisher, Endokrinologin in der Abteilung für Diabetes und Hypertonie, betont dennoch die grundsätzlichen Vorteile der Heimselbstmessung. Einzelne Werte in der ärztlichen Praxis könnten durch Stress oder körperliche Aktivität verfälscht sein. Erst die Summe vieler Messungen im häuslichen Umfeld erlaube eine verlässlichere Einschätzung der tatsächlichen Blutdrucksituation. Gerade diese Vielzahl an Messungen stellt jedoch offenbar eine zentrale Hürde dar. Selbst unter Bedingungen mit kostenlosen Geräten, intensiver Schulung und persönlicher Betreuung gelang es nicht, eine durchgehend hohe Beteiligung zu erreichen.
Die Autoren und Autorinnen sehen darin nicht nur ein Adhärenzproblem, sondern auch einen Hinweis darauf, dass die gegenwärtigen Anforderungen für viele Personen möglicherweise zu hoch angesetzt sind. Diskutiert werden daher neue technische Ansätze, die die Datenerfassung weniger belastend machen sollen. Dazu zählen tragbare Sensoren oder kontinuierlich messende Systeme, die Blutdruckwerte automatisch erfassen und übertragen. Vergleichbare Technologien sind aus der Diabetologie mit der kontinuierlichen Glukosemessung bereits etabliert. Mehrere entsprechende Systeme zur kontinuierlichen Blutdruckerfassung befinden sich derzeit in Entwicklung oder in regulatorischen Prüfverfahren.
Unlu O et al.: Patient Engagement With Home Blood Pressure Monitoring. JAMA Cardiol. 2026 Jan 21:e255196 (DOI 10.1001/jamacardio.2025.5196).