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Nephrologie

Metabolische Azidose

Bei älteren Patienten häufiger als angenommen

Dr. med. Marius Butea-Bocu, Prof. Dr. med. Ullrich Otto

29.7.2021

Eine metabolische Azidose (mA) ist bei älteren Menschen nahezu immer mit verschiedenen Ursachen und Symptomen verknüpft. Da bei Älteren durch Multimorbidität und Polypharmazie Nebenwirkungen verstärkt auftreten, sind diese Aspekte bei der Therapie streng zu beachten.

Die demografische Entwicklung wird aktuell und zukünftig mit einem permanenten Anstieg von Erkrankungen der geriatrischen Patienten vergesellschaftet sein. Eine milde, physiologische metabolische Azidose (mA), stellt zum Beispiel eine Folge der altersabhängigen Abnahme der Nierenfunktion dar. Chronische Nierenerkrankungen (cNE) treten mit zunehmendem Alter deshalb immer häufiger auf.

Ätiologie und Inzidenz

Etwa 2 % der Bevölkerung ab dem 70. Lebensjahr weisen eine fortgeschrittene cNE auf (eGFR < 30 ml/min/1,73 m2). Die dadurch beeinträchtigte Fähigkeit, Wasserstoffionen auszuscheiden, hat zur Folge, dass eine fortgeschrittene cNE in etwa 20 % der Fälle von einer mA begleitet wird, wobei die Prävalenz umso höher ist, je niedriger die Nierenfunktion ist. Die Azidose führt zu weiterer Morbidität der betroffenen Patienten. Hierzu zählen die Verschlechterung kardiovaskulärer Erkrankungen sowie die Verringerung der Knochenmineralisationsdichte und ein dadurch erhöhtes Frakturrisiko. Zudem steigt die Sturzgefahr durch die Reduzierung der Muskelfunktionen. Die notfallmäßige Vorstellung geriatrischer Patienten ist zunehmend durch die Symptome einer mA begleitet. Differenzialdiagnostisch kommen eine beeinträchtigte Leberfunktion, eine Ketoazidose durch schlechte Ernährung oder als Folge von längerer Unterernährung, aber auch Diabetes, Nierenversagen oder die versehentliche Medikamenteneinnahme (z. B. eine Überdosierung von Acetylsalicylsäure) in Betracht. Neben den genannten Ursachen, die zu einer mA führen, kann die Diagnose bei Tumorerkrankungen per se sowie im Zuge von operativen Eingriffen gestellt werden. Bereits bei der Umsetzung erfolgreicher peri- und postoperativer Behandlungsprotokolle muss berücksichtigt werden, dass vermehrt Patienten, die einer aufwendigen chirurgischen Intervention bedürfen, zur geriatrischen Altersgruppe gehören. Wie anhand einer eigenen aktuellen, groß angelegten Studie des Urologisches Kompetenzzentrums für die Rehabilitation und Anschlussbehandlung (UKR) an über 500 Patienten, die im Zuge einer Anschlussrehabilitation (AHB) nach radikaler Zys­tek­tomie betreut wurden, aufgezeigt werden konnte, liegt eine metabolische Entgleisung in erschreckender Weise häufiger vor als bisher angenommen. Einen erniedrigten Bicarbonatspiegel (< 22 mmol/l) wiesen vier von fünf Patienten auf und eine manifeste Azidose (pH < 7,35) war bei drei von fünf Patienten zu Beginn der AHB zu beobachten. Den einfachsten Weg zur Diagnose bietet die venöse Blutgasanalyse (BGA). Sobald die Diagnose einer mA gestellt wurde, heißt es in einer weiteren Differenzialdiagnostik die zugrunde liegende Ursache zu identifizieren, mit dem Ziel, eine kausale Therapie einzuleiten. Die zahlreichen Formen der Azidose bedürfen somit jeweils speziellen Behandlungspfaden.

Natriumbicarbonat als Goldstandard

Orales Natriumbicarbonat wird bereits seit Jahrzehnten verwendet, um einer mA entgegenzuwirken. Ebenso empfehlen aktuelle Leitlinien zur Behandlung chronischer Nierenerkrankungen die Verwendung von oral verabreichtem Natriumbicarbonat bei der Behandlung der mA. Hierbei favorisieren wir in der täglichen Praxis beschichtete, magensaftresistente Darreichungsformen. Bei ausgeprägten Formen oder nicht adäquatem Ausgleich unter oraler Substitution, ist die intravenöse Applikation mit engmaschigen BGA-Kontrollen zu empfehlen. Dabei kann das Verständnis der Ursachen einer Azidose mit beispielsweise vergrößerter Anionenlücke im Vergleich zur Azidose mit normaler Anionenlücke einfacher zur Eingrenzung der wahrscheinlichen Diagnose führen. Ein Nachteil kann die Compliance der Patienten aufgrund der Größe und der teilweise hohen Anzahl benötigter Tabletten darstellen.

Fazit

Gerade beim älteren und insbesondere beim geriatrischen Patienten stellt das fachgerechte Management einer mA den behandelnden Arzt vor besondere Herausforderungen und erfordert bei ausgeprägten Kasuistiken eine kompetente interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen medizinischen Fachbereichen. Einen therapeutischen Grundpfeiler zum Ausgleich des Bicarbonatdefizits stellt orales magensaftresistentes Bicarbonat dar.

Der Autor

Dr. med. Marius Butea-Bocu
Urologisches Kompetenzzentrum für die Rehabilitation und Anschlussbehandlung (UKR)
Kliniken Hartenstein
34537 Bad Wildungen

Der Autor

Prof. Dr. med. Ullrich Otto
Urologisches Kompetenzzentrum für die Rehabilitation und Anschlussbehandlung (UKR)
Kliniken Hartenstein
34537 Bad Wildungen

Literatur bei den Autoren

Bildnachweis: privat

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