Neue Aspekte im Lipid-Leitlinien-Update der European Society of Cardiology (ESC) und Atherosclerosis Society (EAS) sind etwa die Kategorie „extremes Risiko“ mit LDL-Ziel < 40 mg/dl und die Benennung eines Lp(a)-Wertes > 50 mg/dl als einen zusätzlichen kardiovaskulären Risikofaktor. Hier lohnt es sich, nochmal hinzuschauen.
Leitlinien ersetzen nicht die individuelle Verantwortung eines Behandelnden, unter Berücksichtigung des Gesundheitszustands und des Wunsches eines zu behandelnden Menschen, geeignete und genaue Entscheidungen zu treffen. Dabei liegt es auch in der Verantwortung der behandelnden Person, die in jedem Land geltenden Vorschriften für Medikamente und Geräte zu überprüfen und die ethischen Grundsätze ihres Berufs zu beachten.
Mit ähnlichen Worten eröffnet die ESC ihr (fokussiertes/Teil-) Update der 2019er Leitlinie „Management Dyslipidämie” aus dem vergangenen Jahr [1]. Sie macht damit klar: Welche Präventions-/Therapieentscheidung getroffen wird, hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von der Evidenz bei der kardiovaskulären Risikosenkung. Aber die Evidenz hat sich (bis März 2025) derart entwickelt, dass Neuerungen rasch und breit den Weg in die Praxis finden sollten. Verschiedene Empfehlungsgrade von I (indiziert) bis III (nicht empfohlen) bzw. die Evidenzgrade A– C (mit absteigender Evidenz) gelten als Argumentationsgrundlage. Hier kommt Beachtenswertes:
1. Risikoalgorithmen: SCORE2/SCORE2-OP
Aus eins mach zwei: Die beiden neuen SCORES ermöglichen es nun, bei Personen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankungen verschiedener Altersklassen die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen, mit der sie in den nächsten 10 Jahren kardiovaskuläre Ereignisse haben werden.
2. Lipoprotein a (Lp[a]): Neue Risikogrenze
Die Konzentration von Lp(a) im Blut ist vorrangig genetisch determiniert. Je höher sie ist, desto schlechter für die Gefäße. Daher sollte sie mindestens einmal im Leben bestimmt werden. Vor allem Jüngere mit familiärer Hypercholesterinämie oder früher Arteriosklerose sind Screening-Anwärter, aber auch Menschen mit grenzwertiger Dyslipidämie. Neu ist:
Da bislang kein zielgerichteter Wirkstoff zur Lp(a)-Senkung verfügbar ist, gilt es aktuell, andere behandelbare Risikofaktoren besonders strikt zu managen.
3. Neue Risikokategorie & LDL-Zielwerte
In die neue Risikokategorie werden Menschen mit arteriosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung eingeordnet, die trotz maximal verträglicher, auf Statinen basierender Therapie wiederkehrende Gefäßereignisse erlebt oder eine polyvaskuläre (z. B. koronare und periphere) arterielle Erkrankung haben. Für die übrigen 4 Risikogruppen gilt ein Ziel-LDL-C unterhalb des aus 2019 bekannten Werts [2]. Bei moderatem Risiko sollte auch erwogen werden, auf subklinische Atherosklerose bzw. einen erhöhten koronaren Kalk-Score im CT zu screenen, um dies in Therapieentscheidungen einbeziehen zu können.
4. Start einer medikamentösen LDL-Senkung (Primärprävention) bei Personen mit:
Klasse-I-Empfehlung (indiziert):
Klasse-IIa-Empfehlung (sollte erwogen werden):
5. Bempedoinsäure prominent positioniert
Dies berücksichtigt die Studie CLEAR OUTCOMES [3].
6. Besondere Situationen
Bei akutem Koronarsyndrom
Bei Krebs und Risiko für Anthrazyklin-Kardiotoxizität
Bei HIV-Infektion
Bei Statin-Skepsis
Bei Hypertriglyceridämie