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Dermatologie

Individualisierung, Hautqualität und Risikomanagement

Ästhetische Medizin mit individuellen neuen Konzepten

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

27.8.2026

Beim All About Aesthetics Event 2026 in Frankfurt standen multimodale Behandlungskonzepte im Mittelpunkt und die Frage, wie sich ästhetische Medizin stärker an individueller Anatomie, Hautbiologie, Alterungsmuster und Patientenerwartung ausrichten lässt.

Ein zentrales Thema des Kongresses war die Abkehr von isolierten Einzelinterventionen hin zu strukturierten, mehrstufigen Behandlungspfaden. Unter dem Dach der sogenannten AA-Signature-Konzepte wurden vor allem 2 Ansätze diskutiert, die ästhetische Therapie als klinischen Prozess verstehen [1,2].

Das Konzept „Lift up“ fokussiert auf Patientinnen und Patienten mit Volumenverlust, Konturveränderungen und Zeichen fazialer Erschlaffung. Diskutiert wurde ein stufenweises Vorgehen, das zunächst die strukturelle Unterstützung des Gesichts adressiert, anschließend Konturen behandelt und erst danach feinere Oberflächen- oder Faltenkorrekturen einordnet. Innerhalb dieses Schemas wurden Hyaluronsäure-Filler als Optionen zur Wiederherstellung von Volumen und Kontur vorgestellt [3,4]. Ergänzend wurde ein Hybridprodukt aus Hyaluronsäure und Calciumhydroxylapatit diskutiert, das neben einem unmittelbaren Fülleffekt auch eine biostimulatorische Komponente zur Kollagenstimulation adressiert [5-7].

Das Konzept „Skin360“ verschob den Blick stärker auf Hautqualität. Dazu zählten Parameter wie Hydratation, Glätte, Elastizität, Festigkeit und Leuchtkraft. Vorgestellt wurde unter anderem ein intradermales Hya­luronsäureprodukt zur Verbesserung der Hautglätte und Hautqualität [8-10]. In den präsentierten Konzepten wurde Hautqualität dabei nicht als rein kosmetischer Endpunkt verstanden, sondern als Teil eines umfassenderen ästhetisch-dermatologischen Assessments. Für die Praxis relevant ist vor allem die Frage, wie Hautstatus, Lebensstil, Alterungsdynamik und Behandlungsziel in ein reproduzierbares, dokumentierbares Vorgehen übersetzt werden können.

Ästhetische Neuromodulation

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der ästhetischen Neuromodulation mit Onabotulinumtoxin A. Die Substanz ist in Deutschland zur vorübergehenden Verbesserung moderater bis starker Glabellafalten, seitlicher Kanthalfalten und Stirnfalten indiziert, wenn die Ausprägung der Falten eine erhebliche psychische Belastung für erwachsene Personen darstellt [11]. Auf dem Kongress wurde die Substanz nicht nur im Kontext dynamischer Falten, sondern auch als Baustein kombinierter ästhetischer Behandlungspläne eingeordnet. Die präsentierten Daten adressierten Wirksamkeit, Patientenzufriedenheit, Behandlungsdauer und Sicherheitsprofil. Publizierte Untersuchungen berichten über hohe Zufriedenheit nach individualisierten Behandlungen sowie über Unterschiede in Diffusionsprofilen und klinischer Wahrnehmung verschiedener Botulinumtoxin-A-Präparate [12-15]. Für die neutrale Einordnung bleibt allerdings wichtig: Aussagen zu Präparatevergleichen müssen indikations-, dosis- und methodenspezifisch bewertet werden und lassen sich nicht pauschal auf alle Behandlungssituationen übertragen.

Longevity sollte als medizinisches Konzept zur längerfristigen Erhaltung von Hautgesundheit gesehen werden.

Die Diskussion um Kombinationstherapien zog sich durch mehrere Programmpunkte. Im Fokus standen Sequenzierung und Intervallplanung zwischen Fillern, Biostimulatoren, Skin-Quality-Boostern, Neuromodulatoren und Energy-Based Devices wie Laser, Ultraschall oder Radiofrequenz. Aus praktischer Sicht wurde betont, dass Injektionen nicht in entzündete, infizierte oder nach apparativen Verfahren noch nicht vollständig abgeheilte Areale erfolgen sollten. Für Hyaluronsäure-Filler wurden Einschränkungen im Zusammenhang mit Laserbehandlungen, chemischen Tiefenpeelings und Dermabrasion hervorgehoben und auf Intervall- und Abheilungsempfehlungen verwiesen [3-8]. Damit rückte ein Thema in den Vordergrund, das in der täglichen Praxis häufig unterschätzt wird: Nicht allein die Wahl der Modalität, sondern die zeitliche und anatomische Abstimmung entscheidet über Sicherheit, Ergebnisqualität und Patientenzufriedenheit.

Mit dem Vortrag „Longevity Unlocked“ wurde ein weiterer Trend der ästhetischen Medizin aufgegriffen. Longevity wurde dabei nicht als Anti-Aging-Versprechen, sondern als breiteres medizinisches Narrativ zur längerfristigen Erhaltung von Hautgesundheit, Gewebefunktion und Lebensqualität diskutiert [1,2]. Für Dermatologinnen und Dermatologen ist diese Entwicklung ambivalent: Einerseits kann sie helfen, Prävention, Hautqualität und individuelle Lebensführung stärker in Beratungsgespräche zu integrieren. Andererseits besteht die Gefahr, dass unscharf definierte Longevity-Begriffe zu überhöhten Erwartungen führen.

Komplikationsmanagement ist essenziell

Besonders praxisrelevant war der Themenblock zu Anatomie und Komplikationsmanagement. Anatomische Kenntnisse wurden als Grundlage sicherer Injektionstechniken hervorgehoben. Das betrifft nicht nur ästhetische Landmarken, sondern insbesondere Gefäßverläufe, Injektionsebenen, Risikozonen und die individuelle Variation der fazialen Anatomie. Publikationen unterstreichen, dass standardisierte Verfahren zwar Orientierung geben, aber nicht die patientenspezifische Analyse ersetzen [16,17].

Im Komplikationsmanagement standen vaskuläre Ereignisse nach Filler-Injektionen im Vordergrund. Diskutiert wurden frühe Warnzeichen, Dokumentation, sofortige Maßnahmen in der Praxis und die interdisziplinäre Eskalation bei Verdacht auf einen retinalen Gefäßverschluss. Als klinische Alarmsymp­tome gelten plötzlicher Visusverlust, akute okuläre Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Schwindel nach einer Filler-Behandlung.

In solchen Situationen sind ein strukturiertes Notfallprotokoll, die Dokumentation von Visus, Pupillenreaktion und Augenmotilität sowie eine unmittelbare Überweisung in eine Klinik mit ophthalmologischer und ggf. neurologischer Expertise entscheidend [18-21]. Die frühe Gabe von Hyaluronidase wird in der Literatur und in Konsensusalgorithmen als zentrale Maßnahme bei hyaluronsäureassoziierten vaskulären Komplikationen diskutiert, wenngleich die Evidenzlage insbesondere bei visuellen Komplikationen überwiegend aus Fallserien, Reviews und Expertenkonsens besteht [18-22].

  1. Allergan Aesthetics. ALL ABOUT AESTHETICS EVENT 2026: Interdisziplinärer Austausch und innovative Behandlungskonzepte im Fokus. Pressematerial. Mai 2026
  2. Allergan Aesthetics. All About Aesthetics DACH 2026: Key Facts. Veranstaltungsunterlage. März 2026
  3. Juvéderm® VOLUMA with Lidocaine Gebrauchsanweisung. Überarbeitung 2019-09-09
  4. Juvéderm® VOLIFT with Lidocaine Gebrauchsanweisung. Überarbeitung 2019-09-09
  5. HArmonyCa™ Lidocaine Gebrauchsanweisung. Juni 2024
  6. Braz A et al., Plast Reconstr Surg Glob Open 2024; 12(9): e6190
  7. Urdiales-Gálvez F et al., J Cosmet Dermatol 2023; 22(8): 2186–97
  8. SKINVIVE™ by JUVÉDERM® Gebrauchsanweisung. November 2024
  9. Niforos F et al., Clin Cosmet Investig Dermatol 2019; 12: 791–8
  10. Ogilvie P et al., Clin Cosmet Investig Dermatol 2020; 13: 267–74
  11. VISTABEL® Fachinformation. Stand Januar 2024
  12. Cohen JL et al., Dermatol Surg 2022; 48(11): 1191–7
  13. Dayan SH et al., Dermatol Surg 2010; 36: 2088–97
  14. Banegas RA et al., Aesthet Surg J 2013; 33: 1039–45
  15. Humphrey S et al., J Cosmet Dermatol 2021; 20(5): 1495–8
  16. Philipp-Dormston WG et al., Plast Reconstr Surg Glob Open 2020; 8(4): e2730
  17. Philipp-Dormston WG, Hautarzt 2021; 72(5): 408–20
  18. Chatrath V et al., Plast Reconstr Surg Glob Open 2019; 7(4): e2173
  19. Kapoor KM et al., Aesthetic Plast Surg 2020; 44(3): 929–44
  20. Zhang L et al., Aesthet Surg J 2023; 43(4): 484–93
  21. Doyon VC et al., Aesthet Surg J 2024; 44(10): 1091–104
  22. AWMF. S1-Leitlinie Registernummer 013-108 zum Management von Filler-Komplikationen. AWMF-Register. 2026
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