Nach wie vor besteht der sogenannte Gender Gap: Frauen haben zwar immer noch eine höhere Lebenserwartung als Männer, sind dabei aber oft im Alter weniger fit. Eine Veranstaltung in Berlin diskutierte die Gründe und suchte nach möglichen Auswegen.
Die Gynäkologie-Professorin Dr. med. Mandy Mangler (Berlin) vertrat auf der Veranstaltung in Berlin einen klaren Standpunkt: „Länger leben bei schlechter Gesundheit ist, als würde man beim Marathon zwar ins Ziel kommen, aber auf allen vieren, mit Bandscheibenvorfall und einem Arztbrief in der Hand.“
Eine solche Medizin wurde laut Mangler nicht für Frauen gemacht, sondern aus männlicher Perspektive und so sei sie auch durchdekliniert. Dieser studiengesicherte Tatbestand mache bis heute hierzulande den „gender health gap“ aus, die Gesundheitslücke zwischen den Geschlechtern. Bis in die 1990er wurden fast ausschließlich Männer in klinische Studien einbezogen. Viele Medikamente sind bis heute auf den „männlichen Standardkörper“ abgestimmt.
Eine gesunde Gesellschaft misst sich nicht an der Länge des Lebens, sondern an seiner Qualität.
Im Einzelnen führte die Chefärztin am Vivantes Klinikum in Berlin dazu aus:
1. Fehlende Daten: Nach wie vor gebe es kaum offizielle Register zu Menopause, Endometriose oder genderspezifischen Medikamentenwirkungen. Frauengesundheit ist somit statistisch untererfasst. „Wir haben kein Register zur Menopause, wir wissen nicht, wann die deutschen Frauen in die Menopause kommen, ob sie Hormonersatztherapie nehmen, wir wissen nicht mal, wie viele Frauen aufgrund von Schwangerschaften sterben, es gibt keine bundesweite Erfassung dieser Todesfälle.“ So sei anzunehmen, dass die mütterliche Sterblichkeit doppelt so hoch liegt, wie bisher gedacht.
2. Fehldiagnose: Frauen erhalten bei gleichen Symptomen seltener korrekte Diagnosen – z. B. bei Herzinfarkt, Autismus, ADHS, Depressionen oder Schilddrüsenerkrankungen. In Deutschland braucht es bis zu 9 Jahre zur Diagnose einer Endometriose.
3. Schmerz-Lücke: Frauen berichten häufiger über chronische Schmerzen, bekommen aber seltener Schmerzmittel oder spezialisierte Therapien. Beschwerden werden häufiger als „psychisch“ abgetan. Frauen warten länger in der Notaufnahme und sie werden weniger ernst genommen.
Frauengesundheit ist keine Nische – sie ist die Hälfte der Medizin.
4. Medizinische Kommunikation: Ärztliche Gespräche sind bei Frauen im Schnitt kürzer, sie werden häufiger unterbrochen, emotionale Beschwerden werden über-, körperliche unterbewertet. „Medical Gaslighting“ wurde von 77 % der Frauen erlebt, im Gegensatz zu 35 % der Männer.
5. Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin: Es gebe Gewalt unter der Geburt, Tabus um Fehlgeburten, Endometriose, Wechseljahre. Viele Frauen fühlen sich medizinisch nicht ernst genommen.
6. Psychische Gesundheit: Frauen leiden häufiger an Depressionen, Angst- oder Essstörungen – aber Ursachen (gesellschaftliche Rollen, Belastung, Gewalt etwa in der Familie) werden oft minderbeurteilt. Hinzu kommt die Mehrfachbelastung von Frauen.
7. Führungspositionen: Frauen sind im Gesundheitswesen bei Führungspositionen massiv unterrepräsentiert. Der deutsche Ärztinnenbund unternimmt dazu jährlich eine Analyse. Die letzte ergab: Nur 14 % der Führungsposition für Medizin an den deutschen Universitäten sind von Frauen besetzt. „Man ist als Frau oft allein im Raum und muss seine Impulse und Visionen mühsam durchsetzen.“
8. Ungleicher Zugang zur Versorgung: Es bestehen starke Unterschiede nach Einkommen, Wohnort und Versicherungsstatus. Frauenspezifische Versorgung (z. B. Wechseljahre, Sexualmedizin) ist oft privat zu zahlen. Frauen werden weniger oft wiederbelebt, das belegen Studien. Gender Health Gap ist somit nach Prof. Manglers Darstellung keine individuelle Schwäche, sondern die Folge eines Systems, das jahrzehntelang Männer als medizinische Norm behandelt hat.
Strukturelle Probleme, keine Einzelfälle
In einem datenbasierten Bericht unterstützte die Schauspielerin Esther Schweins die Darstellung von Professorin Mangler. Sie sprach dabei von einer Drehtürmedizin, die gekennzeichnet sei von Verharmlosung oder Vermeidung, gepaart mit späten Diagnosen und Fehldeutungen sowie einer „starren Lehrtätigkeit“. Innere Verwachsungen, Schmerzen und Unfruchtbarkeit werden bei Frauen unterschätzt oder verspätet diagnostiziert oder auch als „apokalyptische Reiterei“ dargestellt.
Atypische Symptome sollten aber nicht psychologisiert werden. Schweins beklagte den Verlust der alten Klostermedizin mit ihren Kräuterkenntnissen, natürlichen Wirkstoffen und ihrer „Selbstwirksamkeit“. Insgesamt sollte die Medizin menschlicher werden. Die Moderatorin Ulla Kock am Brink forderte Abkehr vom Habitus „Küche, Wäsche, Kinder“. „Verbessert die Lebenswirklichkeit der Frauen“, lautete ihre Forderung. Frauen seien „von Anfang an“ anders als Männer. Es fehle zudem an grundlegenden Informationen: Über den Herzinfarkt gebe es wenig Informationen unter Frauen, Endometriose sei nach wie vor ein wichtiges Thema.
Gleichheit bedeutet: Alle bekommen die gleiche Chance. Aber Gerechtigkeit bedeutet: Niemand fällt durchs Raster.
In einer Podiumsdiskussion mit den MdB und Gesundheitskommissionsmitgliedern des Deutschen Bundestags Dr. Tania Machelet, Prof. Dr. med. Hans Theiss und Dr. Maria-Lena Weiss wurde die Gründung einer Nationalen Biodatenbank angekündigt, zudem strebe man die Einrichtung eines „Nationalen Aktionsplans Frauengesundheit“ an.
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