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Gynäkologie

Kinderwunsch und Schwangerschaft

Ernährung und Nahrungsergänzung als wichtige Faktoren

Prof. Dr. med. Ingrid Gerhard

30.8.2021

Epigenetische Veränderungen, die unser Lebensstil mit sich bringt, können über Eizelle und Spermium die embryonale, fetale und kindliche Entwicklung beeinflussen. Bei Kinderwunsch und während der Schwangerschaft sollte daher auf die Ernährung streng geachtet werden.

Das durchschnittliche Alter der Frauen beim ersten Kind hat sich seit den 1960er-Jahren deutlich erhöht (Abb. 1). Da in den Ovarien keine neuen Eizellen gebildet werden, wirken Umweltgifte im Blut über eine längere Periode auf den Follikelapparat ein. Kein Wunder also, dass bei einer 35-Jährigen mit Kinderwunsch bereits schlechtere Voraussetzungen vorliegen als bei einer 20-Jährigen. Für Männer gilt Vergleichbares. Um Risiken für das Kind zu minimieren, kann es durchaus sinnvoll sein, der aktiven Familienplanung eine Phase der Entgiftung vorauszuschicken. Das kann durch eine Fastenkur sein, eine Kräuterteekur, eine unterstützende Behandlung der Leber- und Darmfunktion. Ideal ist es, wenn sich das Paar gemeinsam zu solch einer Kur entschließt.[1]


Ernährung bei Kinderwunsch

Spätestens drei Monate vor der Konzeption sollte die Ernährung überdacht und optimiert werden. Wenn nicht längst geschehen, ist jetzt mit dem Rauchen aufzuhören, denn es braucht eine ganze Zeit, bis sich der Körper von den Giftstoffen befreit hat. Dies gilt sowohl für die Frau als auch für den Partner. Der Alkoholkonsum sollte reduziert oder besser ganz abgestellt werden. Untergewichtige Frauen sollten zur Gewichtszunahme motiviert und darin unterstützt werden. Nur bei einem optimalen Fettanteil kann mit einer ungestörten Schwangerschaft gerechnet werden. Übergewichtige und adipöse Frauen müssen keine Crash-Kur machen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass durch eine optimierte Ernährung – die automatisch zu einer verbesserten Stoffwechselfunktion und einem langsamen Gewichtsverlust führt – ihre Prognose auf einen spontanen Schwangerschafts­eintritt deutlich erhöht wird. Dazu kann schon eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 5 % reichen. Übergewichtige und adipöse Männer haben ein schlechteres Spermiogramm als normalgewichtige. Besonders wenn bereits ein metabolisches Syndrom vorliegt, ist die Spermienqualität deutlich eingeschränkt. Allein durch Lifestyle-Veränderungen und Verbesserung der Ernährung lässt sich die Anzahl mobiler Spermien erhöhen. Die Ernährung sollte pflanzenbetont sein, mit einem hohen Anteil an komplexen Kohlenhydraten (Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst), bevorzugt aus regionalem und ökologischem Anbau. Fast Food, Softgetränke und Nahrungsmittel aus Industriezucker sollen gemieden werden. Fleisch, ein bis zweimal in der Woche und höchstens einmal in der Woche Fisch. In Anbetracht der starken Belastung mit Umweltgiften kann auf Fisch auch verzichtet werden, allerdings sollten dann die wichtigen Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzung eingenommen werden. Der Verzehr von Kuhmilchprodukten sollte reduziert werden, da die Intensivtierhaltung zu erhöhten Hormonkonzentrationen in der Milch geführt hat. Besonders strenge Ernährungsempfehlungen gelten für Frauen mit Myomen, Endometriose oder polyzystischen Ovarien (PCO). Nahrungsmittel, die viele endokrine Disruptoren (Milchprodukte) oder entzündungsfördernde Substanzen (Fleisch, Milch) enthalten sowie den Zuckerstoffwechsel belasten (Einfachzucker), sind zu reduzieren.[2]


Orthomolekulare Therapie

Selbst bei optimalen Ernährungsbedingungen kann der Bedarf an Nährstoffen und Antioxidantien nicht immer gedeckt werden. In den vergangenen fünf Jahren erfreut sich in der Reproduktionsmedizin daher die orthomolekulare Therapie zunehmender Beliebtheit. Besonders erfreulich, dass der Mann wiederentdeckt wurde. Das pathologische Spermiogramm – das leider oft hingenommen werden musste, weil idiopathisch – wird nun zum Anlass genommen, den Mann mit Orthomolekularia zu therapieren, die in vitro oder im Tierversuch vielversprechend waren. Innerhalb von drei oder maximal sechs Monaten lässt sich ohne invasiven Eingriff Erfolg oder Misserfolg objektiv am Spermiogramm messen. Bei der Beurteilung von Spermiogrammen ist es oft nicht mehr ausreichend, nur die Anzahl, Motilität und Morphologie der Spermien zu beurteilen. Als Zeichen von oxidativem Stress wurden bei pathologischen Spermiogrammen erhöhte Spiegel von Malondialdehyd und erniedrigte Glutathionkonzentrationen gemessen. Gleichzeitig waren oft Selen, Zink und Q10 erniedrigt, Eisen erhöht.[3] In verschiedenen Studien wurde deshalb der Einfluss der Gabe von Antioxidantien, einzeln oder in Kombination, untersucht, nachdem sie dem Mann mit pathologischem Spermiogramm über 3–6 Monate verabreicht worden waren. Häufig handelte es sich um placebo-kontrollierte Studien mit einer ausreichenden Anzahl von Patienten. Allerdings waren die Ausgangssituationen (Nationalität, Alter, diagnostische Methoden, Labor) und die verabreichten Nahrungsergänzungen so unterschiedlich, dass es schwierig ist, eine allgemeingültige Therapieempfehlung zu geben. Coenzym Q10 (200 mg Ubiquinol/Tag) über ein halbes Jahr führte zu einer signifikanten Verbesserung des Spermiogramms bei Oligo-Astheno-Teratozoospermie (OAT) im Vergleich zu einer Placebogruppe.[4,5]

Unstrittig ist der Mehrbedarf an Mikronährstoffen während Schwangerschaft und Stillzeit.

In Kombination mit anderen Antioxidantien wie Vitamin E und C waren auch niedrigere Konzentrationen wirksam. Myo-Inositol verbesserte die Spermaparameter und ist offenbar besonders vielseitig wirksam bei Männern mit metabolischem Syndrom.[6,7| Neue systematische Reviews mit positiven Ergebnissen existieren für Folsäure und Zink[8] und DHA[9]. Selbst bei schwerstem OAT-Syndrom lohnt sich der Versuch, zusätzlich zur Lebensstilveränderung ausgewogene Nahrungsergänzungsmittel für sechs Monate einzunehmen. Darunter bessert sich das Spermiogramm oft signifikant.[1]0 Bei Frauen ist die Studienlage etwas uneinheitlich.[11] Unstrittig ist der Mehrbedarf an Mikronährstoffen während Schwangerschaft und Stillzeit (Abb. 2). Wurde eine hormonelle Kontrazeption beendet, dann ist die Nahrungsergänzung mit verschiedenen Vitalstoffen ein Muss, denn durch die Hormongabe werden B-Vitamine, Magnesium, Zink, Vitamin C und Jod vermehrt verbraucht oder ausgeschieden. Obwohl bekannt ist, dass Frauen mit einer guten Versorgung an Vitalstoffen bessere Fertilitätschancen haben als Frauen mit Defizienzen, wird doch nicht regelmäßig durch geeignete Blutuntersuchungen der Status überprüft. In einer aktuellen italienischen Studie hatten nur 69 % der Frauen normale Homocysteinwerte und 44 % normale B12-Konzentrationen. Und nur 12 % wiesen optimale Erythrozytenfolatwerte auf.[12] Die Aussagekraft der Studien allgemein ist reduziert (s. Kasten). 2017 erschien eine systematische Literaturübersicht zur Orthomolekularen Therapie im Zusammenhang mit IVF.[13] Fünf Studien mit insgesamt 467 Teilnehmern erfüllten die Kriterien. Obwohl auch hier die Therapien sehr heterogen waren, waren Schwangerschafts- und Lebendgeburt-Raten in den Orthomolekularia-Gruppen überzeugend besser als in den Kontrollgruppen. Auch in einer weiteren italienischen Studie war die Qualität der Oozyten nach einer Antioxidantientherapie signifikant besser und die Follikelflüssigkeit bot optimalen Schutz.[14]


Sonderfall PCO-Patientinnen

Eine besondere Herausforderung stellen Patientinnen mit PCO dar, da das Risiko der Überstimulation sehr hoch ist und die Qualität der Oozyten oft zu wünschen übrig lässt. Bei Frauen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln verbesserten sich zahlreiche Stoffwechsel- und Fertilitätsparameter durch eine zweimonatige Aufdosierung mit 50.000 IE Vitamin D pro Woche.[15] Ein optimaler Vitamin-D-Spiegel erwies sich als guter prognostischer Parameter, wobei die Rate von Lebendgeburten am höchsten war, wenn 25OH-Vitamin D über 45 ng/ml betrug.[16] Ein relativ neuer Aspekt wurde bei PCO-Patientinnen bestätigt: die Gabe von Myo-Inositol verbessert nicht nur den Zuckerstoffwechsel, sondern auch die Fertilität. In einer randomisierten Studie konnte gezeigt werden, dass Frauen unter Myo-Inositol weniger FSH bei der Follikelstimulation benötigten und eine bessere Schwangerschaftsrate erzielt werden konnte.[17] In einer anderen Studie wurden Myo-Inositol und Melatonin vom ersten Zyklustag an verabreicht: Oozyten- und Embryoqualität verbesserten sich signifikant.[18]

Die Autorin

Prof. Dr. med. Ingrid Gerhard
Albert-Überle-Straße 11
69120 Heidelberg

www.netzwerk-frauengesundheit.com

[1] Gerhard I, Das Frauen-Gesundheitsbuch: Wo Naturheilverfahren wirken, wann Schulmedizin nötig ist. Mankau Verlag 2014
[2] Gerhard I et al., Myome selbst heilen. Mankau Verlag 2018
[3] Nenkova G et al., Balkan Med J 2017; 34: 343–348
[4] Nadjarzadeh A et al., Andrologia 2014; 46: 177–183
[5] Santanam N et al., Transl Res 2013; 161: 189–195
[6] Montanino Oliva M et al., Int J Endocrinol 2016: p. 1674950
[7] Calogero AE et al., Andrology 2015; 3: 491–495
[8] Irani M et al., Urol J 2017; 14: 4069–4078
[9] Hosseini B et al., J Diet Suppl 2018; doi: 10.1080/193902111
[10] Magdi Y et al., Andrologia 2017; 49: doi: 10.1111/and.12694
[11] Grajecki D et al., Arch Gynecol Obstet 2012; 285: 1463–1471
[12] La Vecchia I et al., Eur J Contracept Reprod Health Care 2017; 22: 70–75
[13] Arhin SK et al., Reprod Biomed Online 2017; 35: 715–722
[14] Luddi A et al., Reprod Biol Endocrinol 2016; 14: 57. doi: 10.1186/s12958-016-0184-7
[15] Irani M et al., Nutrients 2017; 9: doi: 10.3390/nu9040334
[16] Pal L et al., J Clin Endocrinol Metab 2016; 101: 3027–3035
[17] Emekci Ozay O et al., Gynecol Endocrinol 2017; 33: 524–528
[18] Pacchiarotti A et al., Gynecol Endocrinol 2016; 32: 69–73

Bildnachweis: privat

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