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Gynäkologie

Herausforderungen und Management

Beratung bei Migräne, Kinderwunsch, und Schwangerschaft

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

22.10.2026

Die Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Frauen im reproduktiven Alter. Während die Fertilität selten beeinträchtigt ist, muss die medikamentöse Strategie bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft präventiv und sicherheitsorientiert gestaltet werden.

Migräne betrifft Frauen besonders häufig in der reproduktiven Lebensphase. Damit gehört die Frage nach einer geeigneten Therapie bei Kinderwunsch, in der Schwangerschaft und während der Stillzeit regelmäßig auch in die gynäkologische Beratung. Ein vollständiger Verzicht auf eine wirksame Behandlung ist dabei nicht grundsätzlich die sicherste Strategie: Schwere Migräneattacken können mit erheblicher Beeinträchtigung, Erbrechen, Dehydratation und Schlafmangel einhergehen. Entscheidend ist vielmehr, bereits vor Eintritt einer Schwangerschaft ein therapeutisches Konzept mit möglichst gut untersuchten Wirkstoffen zu etablieren [1,2].

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Bei Kinderwunsch sollte die Therapie angepasst werden

Die präkonzeptionelle Phase bietet die beste Gelegenheit für einen „Medikationscheck“. Nichtmedikamentöse Maßnahmen wie regelmäßiger Schlaf, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, regelmäßige Mahlzeiten, Ausdauersport, Entspannungsverfahren oder Biofeedback sollten möglichst bereits jetzt etabliert werden [1]. Gleichzeitig muss geprüft werden, ob eine bestehende medikamentöse Prophylaxe schwangerschaftstauglich ist [1,3].

Besonders relevant ist Topiramat. Der Wirkstoff ist zur Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft kontraindiziert und muss bei Kinderwunsch abgesetzt werden. Hintergrund sind erhöhte Risiken für kongenitale Fehlbildungen und fetale Wachstumsrestriktion; zudem bestehen Bedenken hinsichtlich möglicher neurologischer Entwicklungsstörungen. Nach Absetzen soll die hochwirksame Kontrazeption noch mindestens 4 Wochen fortgeführt ­werden [1,4]. Auch Valproat ist für die Migräneprophylaxe bei Frauen mit Schwangerschaftswunsch keine ­geeignete Option.

Besondere Aufmerksamkeit benötigen die modernen CGRP-Antikörper Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab. Zwar haben bisherige Pharmakovigilanzdaten kein eindeutiges ­Signal für eine erhöhte Rate ungünstiger Schwanger­schaftsausgänge gezeigt; die Fallzahlen reichen jedoch nicht aus, um Sicherheit anzunehmen [5]. Wegen der langen Halbwertszeit empfiehlt die European Headache Federation, zwischen ­Absetzen und einer geplanten Konzeption etwa 6 Monate verstreichen zu lassen [5]. Auch ­Gepante sollten mangels ausreichender Schwanger­schaftsdaten nicht weiter eingesetzt werden.

Für viele Patientinnen gibt es eine erfreuliche ­Perspektive: Etwa 50–80 % berichten während der Schwangerschaft über weniger Migräneattacken, ­besonders ausgeprägt im zweiten und dritten ­Trimenon [1]. Bei einem kleineren Anteil nimmt die Kopfschmerzhäufigkeit jedoch zu. Insbesondere eine Migräne mit Aura kann sich erstmals in der Schwangerschaft manifestieren.

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Migräne kann auch Marker eines erhöhten vaskulären Risikos sein.

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Zudem ist es in der Gyn-Praxis wichtig, Migräne nicht ausschließlich als Schmerzproblem zu betrachten. In einer großen prospektiven Kohorte war eine bereits vor der Schwangerschaft bestehende Migräne mit einem um 17 % erhöhten Risiko für Frühgeburt, einem um 28 % erhöhten Risiko für Gestationshypertonie und einem um 40 % erhöhten Prä­eklampsierisiko assoziiert. Bei Migräne mit Aura war die Assoziation mit Präeklampsie besonders ausgeprägt [6]. Migräne kann damit auch ein Marker eines erhöhten vaskulären Risikoprofils sein.

Neue oder veränderte Kopfschmerzen konsequent abklären

Eine bekannte Migräne darf in der Schwangerschaft nicht dazu verleiten, jeden Kopfschmerz auto­matisch als Migräneattacke einzuordnen. Insbesondere ein erstmalig auftretender oder deutlich veränderter Kopfschmerz, ein plötzlich einsetzender „Donnerschlagkopfschmerz“, persistierende Beschwerden trotz Analgesie sowie fokal-neurologische Symp­tome, Krampfanfälle, Fieber oder Bewusstseins­störungen sind Warnzeichen. Auch Kopfschmerzen in Kombination mit neu aufgetretener Hypertonie, Proteinurie oder Sehstörungen erfordern eine zeitnahe Abklärung im Hinblick auf Präeklampsie bzw. Eklampsie [7].

Differenzialdiagnostisch sind in Schwangerschaft und Wochenbett unter ­anderem zerebrale Venenthrombosen, ischämische oder hämorrhagische Schlaganfälle, das posteriore reversible Enzephalopathiesyndrom (PRES) und das reversible zerebrale Vasokonstriktionssyndrom (RCVS) zu berücksichtigen. Gerade im Wochenbett kann ein RCVS mit rezidivierenden, sehr starken Kopfschmerzen auftreten. Neu auftretende visuelle oder sensible Phänomene ­können zwar einer erstmals manifesten Migräneaura entsprechen; bei atypischer Symptomatik oder erstmaligem Auftreten sollte jedoch eine sekundäre Ursache ausgeschlossen werden. Für die gynäkologische Praxis gilt daher: Ändert sich das gewohnte Kopfschmerzmuster, steht zunächst die Diagnostik und nicht die Eskalation der Migränemedikation im Vordergrund [8].

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Akuttherapie in der Schwangerschaft

Migräne in Schwangerschaft und Stillzeit erfordert ein besonders zurückhaltendes, risikoadaptiertes Vorgehen. Grundsätzlich sollte in dieser Situation immer zunächst geprüft werden, ob eine nichtmedikamentöse Strategie ausreicht. Dazu gehören Reizabschirmung, Schlaf, ausreichende Hydratation, regelmäßige Nahrungszufuhr und Triggervermeidung [7].

Für die Akuttherapie in der Schwangerschaft gilt Paracetamol als Standardoption – nach Nutzen-Risiko-Abwägung können auch NSAR und Triptane ­erwogen werden [1,3]. Für Sumatriptan besteht die beste Datenlage unter den Triptanen. Embryotox bewertet Sumatriptan für die Behandlung akuter Migräneattacken in der gesamten Schwangerschaft als akzeptabel und sieht es innerhalb der Triptane als Mittel der Wahl an [1,3]. Eine notwendige Triptan­therapie muss somit bei positivem Schwangerschaftstest nicht automatisch beendet werden.

Bei migräneassoziierter Übelkeit kann Metoclopramid während der Schwanger­schaft eingesetzt werden. Ergotaminderivate sind dagegen wegen ihrer vasokonstriktorischen und uterotonen Wirkung kontraindiziert. Auch Gepante und Lasmiditan sollen in dieser Zeit nicht verwendet werden [1].

Ergotamine sind in der Schwangerschaft kontraindiziert [3]. Muss eine Prophylaxe in der Schwangerschaft durchgeführt werden, kommen nach Leit­linie vor allem Metoprolol, Propranolol und Amitriptylin infrage – Topiramat ist zur Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft kontraindiziert bzw. zu beenden [4]. Auch CGRP-Antikörper sollten in Schwangerschaft und Stillzeit nicht eingesetzt werden [2].

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Stillzeit: wirksame Therapie ist meist möglich

Auch während der Stillzeit muss Migräne nicht unbehandelt bleiben. Ibuprofen und Paracetamol gehören zu den bevorzugten Analgetika. Für Sumatriptan ist die kindliche Exposition über die Muttermilch gering. Embryotox ­bewertet Einzeldosen als mit dem Stillen vereinbar [3]. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme kann ggf. zuvor abgepumpte Milch verfüttert werden. Bei erforderlicher Prophylaxe gehören insbesondere Propranolol bzw. Metoprolol und Amitriptylin zu den am ehesten vertretbaren Optionen. Für CGRP-Antikörper ist die Datenlage weiterhin zu begrenzt. Während internationale Empfehlungen deren Anwendung in ausgewählten Fällen zunehmend diskutieren, empfiehlt die aktuelle deutsche Leitlinie weiterhin, sie während der Stillzeit nicht einzusetzen [1,7].

  1. Diener HC et al., Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. S1-Leitlinie, Version 7.1. 2025. AWMF-Registernummer 030-057
  2. Ornello R et al., Cephalalgia 2025; 45: 3331024251393945
  3. Embryotox. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie 2026
  4. EMA. Topiramate: new measures to avoid exposure in pregnancy. 2023
  5. Sacco S et al., J Headache Pain 2022; 23: 67
  6. Purdue-Smithe AC et al., Neurology 2023; 100: e1464-73
  7. Becker L et al., Z Allg Med 2026; 102: 42–54
  8. Merlino L et al., J Clin Med 2023; 12: 2994
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