Es gibt klinische Studien, die verändern die Medizin. Und es gibt die WHI-Studie, die verändert die Medizin immer mal wieder. Kaum eine andere Studie wird so zuverlässig, so regelmäßig und so beharrlich neu ausgewertet wie dieses epidemiologische Fossil.

In schöner Regelmäßigkeit erscheint eine „neue“ Analyse der Womens Health Initiative(WHI)-Studie, die uns mitteilt, was wir eigentlich schon seit zwei Jahrzehnten wissen – nur diesmal wieder mit leicht verschobener Altersgruppe, neuem Subendpunkt und frischer Hazard Ratio. Die aktuelle Re-Analyse reiht sich nahtlos ein in diese Tradition der retrospektiven Dauerverwertung.
Dabei war der Paukenschlag der WHI Anfang der 2000er-Jahre gewaltig: Die Hormonersatztherapie wurde vom Symbol der aktiven, gesunden Menopause zum kardiovaskulären Hochrisikofaktor erklärt. Millionen Frauen setzten ihre Therapie abrupt ab, Verordnungen brachen ein und die HRT wurde zum medizinischen Paria. Die differenzierte Betrachtung nach Alter, Zeit seit Menopause und Symptomatik ging im allgemeinen Alarmmodus unter.
Seither arbeitet sich die Wissenschaft schrittweise zurück zur Evidenz – allerdings stets auf Basis derselben alten Daten. Immer neue Subgruppen, immer neue Zeitfenster, immer neue wichtige Erkenntnisse. Nun also wieder: Frauen zwischen 50 und 59 Jahren mit vasomotorischen Symptomen profitieren von der Therapie ohne relevantes kardiovaskuläres Risiko. Überraschend wie ein Sonnenaufgang.
Dafür steigt das Risiko jenseits des 70. Lebensjahres deutlich an. Auch das ist keine revolutionäre Entdeckung, sondern eher eine Bestätigung dessen, was Leitlinien seit Jahren predigen: HRT ist keine geriatrische Wellnessmaßnahme, sondern eine zeitkritische, symptomorientierte Therapie.
Unbestritten bleibt jedoch: Keine Studie hat die Wahrnehmung der Hormonersatztherapie so nachhaltig geprägt wie die WHI. Sie hat Angst gesät, Skepsis kultiviert und eine ganze Generation von Ärzten und Ärztinnen geprägt. Heute müht sich die Medizin, das Bild wieder geradezurücken – mit immer neuen Auswertungen derselben alten Daten. Man darf gespannt sein, was die WHI uns als Nächstes lehrt. Vielleicht, dass Frauen mit 50 andere Risiken haben als Frauen mit 80. Oder dass Symptome behandelt werden dürfen. Sensation garantiert.
Rossouw JE et al., JAMA Intern Med 2025; 185: 1330–9