Fußprobleme werden von Patienten und Patientinnen häufig als Bagatellen wahrgenommen und zunächst in Eigenregie behandelt. Doch hinter vielen Symptomen können systemische Erkrankungen stehen. Unsere Serie „Fußsprechstunde“ nimmt deshalb Haut, Nägel, Zehenzwischenräume und Fußsohlen systematisch in den Blick.
Unsere Füße tragen uns im Laufe des Lebens viele Tausend Kilometer weit – und werden dennoch häufig erst dann beachtet, wenn Schmerzen, Juckreiz, Entzündungen oder sichtbare Veränderungen den Alltag beeinträchtigen. Hornhaut wird abgetragen, ein verfärbter Nagel über Monate mit einem frei verkäuflichen Antimykotikum behandelt, eine nässende Stelle mit einem Pflaster abgedeckt. Oft ist dieses pragmatische Vorgehen unproblematisch. Mitunter führt die Selbstbehandlung jedoch dazu, dass eine behandlungsbedürftige Erkrankung fortbesteht, sich ausbreitet oder chronifiziert.
Die „Fußsprechstunde“ nimmt deshalb Haut, Nägel, Zehenzwischenräume und Fußsohlen systematisch in den Blick. Sie zeigt, welche Befunde häufig und gut behandelbar sind, welche Differenzialdiagnosen bedacht werden müssen und wann eine rasche ärztliche Abklärung erforderlich ist. Zugleich soll sie deutlich machen: Eine qualifizierte Fußversorgung ist Teamarbeit. Dermatologische Diagnostik, podologische Behandlung, diabetologische Risikokontrolle, gefäßmedizinische Abklärung, orthopädische Druckentlastung und professionelles Wundmanagement ergänzen einander.
Diagnostische Vielfalt auf kleinem Raum
Der Fuß ist dauerhaft Druck, Reibung, Feuchtigkeit und okklusivem Schuhwerk ausgesetzt. Die dicke Hornschicht der Fußsohlen schützt vor mechanischer Belastung, kann aber die Beurteilung und Behandlung plantarer Dermatosen erschweren. In den Zehenzwischenräumen entsteht durch Schweiß und geringe Luftzirkulation ein feuchtwarmes Milieu, das Mazerationen und die Vermehrung von Pilzen und Bakterien begünstigt. Nägel wachsen langsam und reagieren auf Traumata, Fehlstellungen, entzündliche Erkrankungen und Infektionen häufig mit ähnlichen Strukturveränderungen.
Zu den häufigsten Dermatosen der Fußsohlen gehören Tinea pedis, Psoriasis, irritative und allergische Kontaktekzeme sowie dyshidrosiforme Ekzeme [1]. Klinisch können sie mit Erythem, Schuppung, Hyperkeratose, Fissuren oder Juckreiz einhergehen. Die Verteilung des Befundes, Veränderungen an anderen Körperregionen, die Anamnese sowie ggf. mykologische, bakteriologische oder allergologische Untersuchungen sind daher entscheidend. Eine rein visuelle Einschätzung oder versuchsweise Behandlung kann in die Irre führen. Besonders problematisch ist die unkritische Anwendung topischer Glukokortikoide bei einem vermeintlichen Ekzem, wenn tatsächlich eine Dermatophytose vorliegt. Die Entzündungszeichen können vorübergehend zurückgehen, während die Pilzinfektion fortbesteht und ihr typisches Erscheinungsbild verliert. Umgekehrt kann eine erfolglose antimykotische Selbstbehandlung dazu führen, dass eine Psoriasis oder ein Kontaktekzem über Monate unerkannt bleibt.
Fuß- und Nagelpilz: nicht immer eindeutig
Tinea pedis gehört zu den häufigsten Infektionen des Fußes. Sie kann sich interdigital mit Schuppung, Mazeration und Rhagaden, auch großflächig plantar mit trockener hyperkeratotischer Schuppung oder stark entzündlich mit dyshidrotischen Bläschen manifestieren. Die charakteristische scharf begrenzte Ausbreitung bis zum Fußrand prägte den volkstümlichen Begriff der „Mokassin-Mykose“. Differenzialdiagnostisch kommen unter anderem Ekzeme, Psoriasis, Erythrasma und bakterielle Intertrigines infrage [1,2].
Eine unbehandelte Tinea pedis ist nicht nur ein lokales Problem. Durch die gestörte Hautbarriere können bakterielle Superinfektionen begünstigt werden. Zudem kann die Infektion auf die Nägel übergreifen oder von einer bereits bestehenden Onychomykose immer wieder unterhalten werden. Die deutsche Leitlinie zur infizierten Zehenzwischenraum-Intertrigo empfiehlt daher, eine Tinea pedis oder Onychomykose konsequent antimykotisch zu behandeln [3].
Nur ein Teil aller dystrophischen Nägel ist tatsächlich mykotisch verändert. Psoriasis, Lichen planus, chronische Traumatisierung, Durchblutungsstörungen und altersbedingte Onychodystrophien können ähnlich aussehen. Insbesondere vor einer systemischen antimykotischen Therapie sollte deshalb ein Erregernachweis erfolgen.
Die S1-Leitlinie zur Onychomykose differenziert die Behandlung nach Ausmaß, Beteiligung der Nagelmatrix und Zahl der betroffenen Nägel. Während begrenzte Formen lokal behandelt werden können, erfordern ausgeprägtere Befunde häufig eine systemische oder kombinierte Therapie [4]. Da Zehennägel langsam wachsen, dauert es viele Monate, bis sich ein klinisch gesunder Nagel zeigt. Eine frühzeitige Diagnose verhindert jedoch, dass die Infektion weiter fortschreitet und zusätzliche Nägel oder Hautareale erfasst.
Entzündliche Dermatosen und Kontaktallergien
Nicht jede schuppende Fußsohle ist Fußpilz. Die palmoplantare Psoriasis kann mit massiver Hyperkeratose, schmerzhaften Fissuren oder sterilen Pusteln einhergehen und die Gehfähigkeit erheblich einschränken. Hinweise geben psoriatische Plaques an anderen Körperregionen, typische Nagelveränderungen oder eine begleitende Psoriasis-Arthritis. Dennoch kann die Abgrenzung von einer hyperkeratotischen Tinea pedis schwierig sein.
Ähnliches gilt für dyshidrosiforme Ekzeme mit tief sitzenden Vesikeln sowie für irritative Dermatitiden infolge von Schweiß, Reibung oder ungeeigneten Pflegeprodukten. Bei einem allergischen Kontaktekzem können Bestandteile der Schuhe die Auslöser sein. Relevante Allergene finden sich unter anderem in Gummi, Klebstoffen, Leder, Farbstoffen sowie Metallen [5]. Die Verteilung des Ekzems kann erste Hinweise liefern, ersetzt jedoch nicht die gezielte Epikutantestung.
Hornhaut, Hühneraugen und Fersenrhagaden
Hornhaut, Schwielen, Hühneraugen (Clavi) und rissige Fersen spiegeln vielfach chronische Druck- und Scherkräfte wider. Eine lokale keratolytische Behandlung kann Beschwerden lindern, beseitigt jedoch nicht die mechanische Ursache. Wiederkehrende Clavi, ausgeprägte Hyperkeratosen oder Fissuren erfordern daher eine Prüfung von Schuhwerk, Fußform, Zehenfehlstellungen, Gangbild und Druckverteilung. Ohne Druckentlastung kehrt die Läsion zurück; ohne Behandlung der gestörten Hautbarriere bleiben Schmerzen, Entzündungsneigung und Infektionsrisiko bestehen.
Vor allem bei Menschen mit Diabetes oder Polyneuropathie darf Hornhaut nicht unkontrolliert mit scharfen Instrumenten, Hobeln oder ätzenden Präparaten entfernt werden.
Nägel zwischen Bagatelle und Warnsignal
Der eingewachsene Zehennagel (Ulcus incarnatus) ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein zunächst lokales Problem chronisch werden kann. Falsches Kürzen der seitlichen Nagelränder, enge Schuhe, starkes Schwitzen, Nagelfehlformen und ausgeprägte periunguale Weichteile können zur Entstehung beitragen. Im frühen Stadium sind konservative Maßnahmen möglich. Bei starker Entzündung, Granulationsgewebe oder wiederholten Rezidiven können operative Verfahren erforderlich werden [6]. Entscheidend ist, nicht nur die akute Entzündung zu behandeln, sondern auch die anatomischen und mechanischen Ursachen zu berücksichtigen.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen pigmentierte Nagelveränderungen. Ein subunguales Hämatom nach einem Trauma ist häufig. Auch Nävi, ethnisch bedingte Pigmentierungen, Medikamente oder Infektionen können eine Melanonychie verursachen. Dennoch muss bei einer neu aufgetretenen, breiter werdenden oder unregelmäßig pigmentierten Längsbande – insbesondere an nur einem Nagel – ein Melanom des Nagelapparats ausgeschlossen werden [7].
Schweiß und Geruch sind medizinische Themen
Starkes Schwitzen an den Füßen ist mehr als ein Komfortproblem. Plantare Hyperhidrose fördert Mazeration, Reibung und mikrobielle Vermehrung. Typischer Fußgeruch entsteht nicht allein durch Schweiß, sondern durch den bakteriellen Abbau von Hautbestandteilen. Eine charakteristische, aber häufig übersehene Erkrankung ist das Keratoma sulcatum (Keratolysis plantaris sulcata). Auf den druckbelasteten Arealen der Fußsohle finden sich zahlreiche kleine, kraterförmige Defekte, häufig verbunden mit starkem Geruch und Hyperhidrose [8]. Die Erkrankung ist bakteriell bedingt und erfordert daher eine andere Behandlung als Tinea pedis.
Wenn aus einer kleinen Läsion ein Ulkus wird
Besonders ernst zu nehmen sind Fußveränderungen bei Menschen mit Diabetes mellitus, peripherer arterieller Verschlusskrankheit, Polyneuropathie, Immunsuppression oder eingeschränkter Mobilität. Bei einer diabetesbedingten Neuropathie werden Druck, Hitze, Verletzungen und Schmerzen vermindert wahrgenommen. Fehlbelastungen können zu Hyperkeratosen und darunter liegenden Gewebeschäden führen. Kommt eine Durchblutungsstörung hinzu, verschlechtert sich die Heilungsfähigkeit.
Aus einer Fissur, Blase oder kleinen Druckstelle kann so ein Ulkus mit Infektion und Amputationsrisiko entstehen. Internationale Leitlinien empfehlen deshalb eine regelmäßige, risikoadaptierte Untersuchung der Füße bei Menschen mit Diabetes. Dazu gehören die Inspektion von Haut, Nägeln und Zehenzwischenräumen, die Prüfung auf Neuropathie und arterielle Durchblutungsstörung, die Bewertung von Deformitäten und Schuhwerk sowie die Schulung zur täglichen Selbstkontrolle [9].
Ist bereits ein Ulkus entstanden, müssen mehrere Probleme gleichzeitig adressiert werden: Eine Infektion ist zu erkennen und ggf. zu behandeln, die arterielle Durchblutung muss beurteilt, der betroffene Bereich konsequent entlastet und die Wunde fachgerecht versorgt werden. Gleichzeitig sind Stoffwechsellage und Begleiterkrankungen zu kontrollieren [10]. Kein einzelnes Fachgebiet kann diese Komplexität allein abdecken.
Frühe Diagnostik verhindert Chronifizierung
„Früh“ bedeutet nicht, jede kleine Druckstelle sofort apparativ abzuklären. Es bedeutet, anhaltende oder wiederkehrende Befunde und klinische Warnzeichen ernst zu nehmen. Ärztliche Diagnostik ist insbesondere angezeigt, wenn eine Veränderung trotz angemessener Selbstpflege nicht abheilt, wiederkehrt oder sich ausbreitet. Gleiches gilt bei Schmerzen, Überwärmung, Schwellung, Sekretion, ausgeprägtem Geruch, Wundbildung oder dunkler Gewebeverfärbung.
Auch ein neu pigmentierter Nagel sowie jede Fußläsion bei Diabetes, Neuropathie, Durchblutungsstörung oder Immunsuppression erfordern besondere Aufmerksamkeit. Bei diesen Patientengruppen darf Schmerzfreiheit nicht mit Harmlosigkeit verwechselt werden: Gerade die fehlende Schmerzwahrnehmung kann ein Zeichen der Neuropathie und damit eines erhöhten Risikos sein.
Die kommenden Folgen der „Fußsprechstunde“ vertiefen deshalb die wichtigsten Themen: Fußpilz und seine Differenzialdiagnosen, Onychomykose, eingewachsene Zehennägel, Hornhaut und Hühneraugen, Fersenrhagaden, Ekzem und Psoriasis der Fußsohlen, Hyperhidrose und bakterielle Keratolyse, der diabetische Fuß, chronische Wunden sowie pigmentierte Nagelveränderungen.

Die zentrale Botschaft der Reihe lautet: Füße verdienen diagnostische Aufmerksamkeit. Viele Erkrankungen sind bei korrekter Einordnung gut behandelbar. Werden Befunde jedoch bagatellisiert, falsch behandelt oder nur aus der Perspektive eines einzelnen Fachgebiets betrachtet, drohen Rezidive, Chronifizierung, funktionelle Einschränkungen und bei Risikopatientinnen und -patienten schwerwiegende Komplikationen. Gute Fußmedizin beginnt deshalb mit genauem Hinsehen – und gelingt am besten gemeinsam.

Der Autor
Dr. med. Viktor Alexander Czaika
Facharzt für Dermatologie,
Venerologie und Innere Medizin
12439 Berlin
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