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Kongress-Ticker

 VIRTUELL – MÄRZ 2021

Der FOKO wird digital

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

24.3.2021 16:53

Der FOKO wird digital – und die Frauenarztpraxis auch

2020 war der FOKO eines der ersten Opfer der ­Corona-Pandemie – er wurde komplett abgesagt. Ein Jahr und viele Erfahrungen später entschied sich der Berufsverband für einen komplett virtuellen FOKO. Alle Referenten berichteten aus dem Home­office oder der Klinik, die Vorträge wurden live gestreamt. Rückfragen waren per Chat möglich. Man merkte, dass alle Beteiligten in den vergan­genen zwölf Monaten reichlich Erfahrung mit dieser Art von Format gesammelt hatten. Organisatorisch und technisch lief alles rund, das Programm war gut wie immer. Eine rundum gelungene Veranstaltung. Die Digitalisierung war dann tatsächlich auch einer der Schwerpunkte der Veranstaltung. In der Session Digitalisierung/E-Health ging es um die Frage: „Sind Apps eine Hilfe für unsere Patientinnen?“ Prof. Dr. med. Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik der TU München, fasste den aktuellen Stand zusammen. Demnach werden in den beiden großen App-Stores von Google und Apple weit über 100 000 Gesundheits-Apps angeboten. Nur: Ob eine App wirklich sinnvoll ist, sieht man ihr leider nicht an. In der Folge installieren viele Menschen Apps für ihre Gesundheit, die nicht sinnvoll sind. Andererseits können kranke Menschen diejenigen Apps, die für sie wirklich hilfreich sein könnten, nicht zuverlässig finden. Prof. Kiechle teilt die Gesundheits-Apps in drei Gruppen ein: Die erste Gruppe sind Lifestyle-Apps, die oft mit Wearables kombiniert werden, also mit einem Fitness-Armband oder einer Smart­watch. Diese Apps helfen, ein besseres Bewusstsein für den eigenen Körper aufzubauen, motivieren zu mehr körperlicher Bewegung, oft auch zu gesünderem Essen oder zu Gewichtsreduktion. Sie tragen dazu bei, Risikofaktoren zu reduzieren und die Gesundheit zu fördern. Viele dieser Lifestyle-Apps sind heute ausgereift und sinnvoll, wenn man sich auf die Gesundheits-Impulse aus diesen Apps ­einlässt. In die zweite App-Gruppe gehören Service-Apps, die eine wichtige Funktion haben können: Sie erinnern per Signal an Termine zur Tabletteneinnahme, zum Arztbesuch, zur Kontaktaufnahme mit Arzt, Krankenhaus oder Krankenkasse. In diese Rubrik gehört beispielsweise die PraxisApp „Mein Frauenarzt“, die die Anwenderin mit ihrer Gyn-Praxis verbindet und die Kommunikation mit der eigenen Frauenärztin oder dem Frauenarzt erheblich erleichtern kann. Kiechle bezeichnet solche Service-Apps als „hilfreiche Alltagsbegleiter“. Die dritte Gruppe sind die medizinischen Apps, die den Anspruch haben, Hilfestellung und Unterstützung bei bestimmten Krankheitsbildern zu bieten. Hier erleben wir gerade einen grundlegenden ­Umbruch, wie Prof. Kiechle erläuterte: Klarheit schafft seit einigen Monaten das Verzeichnis für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA-Verzeich­nis) des BfArM. Die medizinischen Apps, die in dieses Verzeichnis aufgenommen werden, tragen das CE-Kennzeichen und sind als Medizinprodukt zugelassen. Sie müssen zudem einen positiven Versorgungseffekt im Vergleich zur Standardbehandlung aufweisen. Diese Apps können bei Vorliegen einer begründeten Diagnose auf Rezept verordnet werden.

3. Hauptthema: Digitalisierung/E-Health „Sind Apps eine Hilfe für unsere Patientinnen?“

Zyklusmonitoring der Zukunft?

Für Frauen mit Kinderwunsch ist die Analyse des eigenen Zyklus der Schlüssel zu einer Schwangerschaft. Prof. Dr. med. Christian Thaler (München)stellte im Zuge des Mini-Symposiums „Zyklusmonitoring 2.0“ die Daten zum Ava Fruchtbarkeitstracker vor. Dabei handelt es sich um ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt mit FDA-Zulassung. Das funktioniert wie folgt: Ein Armband misst während des Schlafens unterschiedliche Surrogatmarker und berechnet auf dieser Grundlage fünf der sechs fruchtbaren Tage der Anwenderin inklusive der präovulatorischen Phase. Während der Messung werden aktuelle Daten zu physiologischen Parametern wie der Körpertemperatur oder dem Ruhepuls erhoben und ausgewertet. Hiermit hebt sich Ava deutlich von Methoden ab, die ausschließlich die Basaltemperatur als Parameter berücksichtigen und lediglich das Schließen des fruchtbaren Fensters bestimmen. Anders hier. „Der Beginn der Fruchtbarkeit und die Peak-Fertilität werden komfortabel angezeigt“, sagte Prof. Thaler und stellte dann Daten der Uni Zürich vor. Danach liegt die Präzision der Vorhersage bei rund 90 % (Spezifität 93 %, Sensitivität 81 %). Durch eine intuitive und komfortable Anwendung soll die Zyklusverfolgung für die Anwenderin leicht in den Alltag integrierbar sein.

Mini-Symposium „Zyklusmonitoring 2.0 – schneller schwanger durch Fertility Awareness?“ (Veranstalter: Aristo Pharma GmbH, Berlin)

Hörensagen versus Evidenz in der Kontrazeption

„Dass sich Journalisten gerne mal mit Verhütungsmethoden auseinandersetzen, das kennen wir“, sagte Prof. Dr. med. Patricia Oppelt (Erlangen) zur Einführung des Lunch-Symposiums „Hörensagen vs. Evidenz“ und stellte ein paar besonders „gelungene“ Beispiele aus der Yellow Press vor. Um danach zu fragen: „Aber sind das wirklich noch die Informationen, die ­junge Frauen heute nutzen?“ Sie stellt die Influencerin Eleanor vor, die in ihrem Instagram-Kanal eine ­Umfrage mit 20 Fragen zum Thema Verhütung gemacht hatte. „Die Resonanz war mit mehr als 9 000 TeilnehmerInnen riesig und das zeigt mir, dass der Austausch zu diesem Thema auf Social Media explizit gewünscht wird.“ Die Ergebnisse sind interessant. Die Mehrzahl der Befragten bezeichnen die Frauenarztpraxis als wichtigste Informationsquelle: 59 %. Mehr als jede dritte Antwort – 37 % – nennt das Internet als wichtigste Informationsquelle. Im Widerspruch dazu stehen die Ergebnisse zu der Frage: „Woher kennen Sie die Wirkweise hormonaler ­Verhütung?“ Das wussten dann nur 34 % vom Frauen­arzt, aber 45 % aus dem Netz. Sie schließt aus der Befragung: Junge Frauen wollen individuell beraten werden, welche Art der Verhütung am besten zu ihnen passt. Austausch ist sicher gut, so Prof. Oppelt, aber nicht alle Informationen, die dort geteilt werden, entsprechen auch den Fakten. Vieles ist emotional aufgeladen. Welche Auswirkungen das hat, zeigte sie anhand eines Vergleichs von Daten aus den Jahren 2015 (TANCO-Studie) und 2019 (COCO-Studie). Danach ging der Anteil der Frauen mit oraler Kontrazeption von 56 % auf 41 % zurück. Gleichzeitig stieg der Anteil der Kondom-Verwender von 9 % auf 22 % und der Anteil der Frauen, die gar nicht verhüten, von 9 % auf 17 %. Sowohl die Anzahl der Notfallkontrazeptionen als auch die der Schwangerschaftsabbrüche ist gestiegen. Eine der häufig genannten Ängste junger Frauen ist die Angst vor Thombosen. Dieses Thema nahm sich Dr. med. Ludwig Baumgartner (Freising) vor. Ausführlich beschrieb er die Auswirkungen der Hormone auf die Hämostasefaktoren und verglich den Einfluss der verschiedenen Estrogene und Gestagene. Seine Schlussfolgerung: Das Estrogen macht das Risiko – und hier ist Ethinylestradiol (EE) eindeutig der „böse Bube“. Er zeigte die Evidenz am Beispiel der Kombination Estradiolvalerat/Dienogest gegen EE/Levonogestrel an einer Reihe von Hämostasefaktoren. Sein Fazit: Das Gestagen beeinflusst das VTE-Risiko nur indirekt über eine Modulation des EE-Effekts. Weicht man aber auf ein anderes Estrogen aus, ist das Risiko generell deutlich reduziert, unabhängig von der Gestagenkomponente. Prof. Dr. med. Thomas Römer (Köln) warf schließlich einen Blick auf die intrauterine Kontrazeption und widerlegte hier viele der Mythen durch Fakten: bei der verhütungssicherheit, bei den Perforationen, bei den extrauterinen Schwangerschaften, der Fertilität nach dem Ziehen des IUS, beim Blutungsmuster und bei Depressionen. Sein Fazit: Die Vorbehalte sind oft wissenschaftlich widerlegbar. Wir sollten evidenzbasierte Daten in die Aufklärung einbeziehen und so der wichtigste „Influencer“ in der Kontrazeptionsberatung sein. Prof. Oppelt fasste schließlich zusammen: „Für unsere Beratung heißt das: Wir müssen nicht nur alle Methoden der Kontrazeption sattelfest beherrschen, wir müssen auch die Vorbehalte der Anwenderinnen kennen. Nur so können wir junge Frauen mit Evidenz überzeugen.“

Lunch-Symposium „Hörensagen vs. Evidenz“ in der Kontrazeption: Woraus basiert Ihre Entscheidung? (Veranstalter: Jenapharm GmbH & Co. KG, Jena)

Immunsystem und HRT: Neue Aspekte

Das Frühstücks-Symposium zur Hormonersatz­therapie war der Uhrzeit angemessen praktisch als Weckruf gedacht: HRT jetzt! „Uns ist bewusst, dass HRT ein Reizthema ist“, führte der Vorsitzende, Dr. med. Ludwig Baumgartner (Freising) augenzwinkernd aus, „das in einer Reihe steht mit Religion, Politik, Tod oder Sex – also im negativen Fall einfach von Dogmatikern besetzt ist.“ Da man Hormondefizienz aber am besten mit Hormonen therapieren kann, ging es in diesem Symposium um erster Linie um die Hormon-Pharmakologie. Und dabei neben den seit Jahrzehnten kontrovers diskutierten ­Effekten auf Befindlichkeitsstörungen (Schwitzen, depressive Verstimmungen), Knochen und Gefäße auch um einen häufig unterschätzten Effekt: der auf das Immunsystem. Prof. Dr. med. Christian Mang (Mainz) begann ­seinen interdisziplinären Vortrag dann auch kon­trovers: „Ich würde das nicht Hormonersatztherapie nennen, in meinen Augen geht es um präventive Medizin.“ Mit seiner Erklärung des Dualismus von Estrogenen und Gestagenen als Wachstumsfaktoren und Stabilisierungsfaktoren stieg er in die Diskussion ein. Über die Wirkmechanismen erläuterte Mang den Einfluss der Hormone auf die Gefäß­gesund­­heit und erklärte, warum Frauen in der ­reproduktiven Phase viel seltener kardiovaskuläre Ereignisse haben als gleichaltrige Männer, während das bei postmenopausalen Frauen anders ist. Dort ist das ­Risiko gleich. Einen ähnlichen Effekt haben die Hormone auch auf das Immunsystem. So wie Glukokortikoide (GC) das Immunsystem vor einer übermäßigen Reaktion (Entgleisung) schützen, können das auch die Estrogene, die wie die GC zu den Steroiden gehören und die Genexpression steuern können. Prof. Mang stellte in diesem Zusammenhang auch interessante Fakten zur aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie vor. Die schweren Verläufe der COVID-Erkrankung sind häufig mit einer Entgleisung der Zytokine verbunden (Zytokinsturm). Bei nicht menopausalen Frauen gibt es im Schnitt einen milderen Schweregrad und ein besseres Outcome als bei altersentsprechenden Männern. Zwischen postmenopausalen Frauen und altersentsprechenden Männern gibt es jedoch keinen Unterschied mehr. Danach ist die Menopause ein Risikofaktor für weibliche COVID-19-­Patientinnen. Hormone sind potenziell schützende Faktoren, die den Schweregrad von COVID-19 reduzieren können, darunter das Anti-Müller-Hormon und E2. Prof. Mang führt das auf die Regulation von Zytokinen im Zusammenhang mit Immunität und Entzündung zurück.

Frühstücks-Symposium „Agieren ist besser als reagiern – HRT jetzt“ (Veranstalter: DR. KADE / BESINS Pharma GmbH, Berlin)

Drospirenon only – neue Daten zu einer neuen Option

Eine Art Sonderformat war die Veranstaltungsreihe „Die Zukunft der oralen Kontrazeption ist östrogenfrei“: drei knappe Halbstünder, in denen unter Vorsitz von Prof. Dr. med. Thomas Römer (Köln) drei Professorinnen aktuelle Daten zur Drospirenon-Mono-Pille vorstellten, die im Laufe des Jahres auf den Markt kommen soll. Prof. Dr. med. Inka Wiegratz (Frankfurt/Main) zur kontrazeptiven Sicherheit, Prof. Dr. med. Petra Stute (Bern) zu den pharmakologischen Grundlagen und Prof. Dr. med. Patricia Oppelt (Erlangen) zur kardiovaskulären Sicherheit und den Blutungsmustern. Gestagen-Mono-Pillen enthalten ein Gestagen in der niedrigst möglichen Dosis, die die Eireifung und den Eisprung unterdrücken kann. Im Vergleich zu kombinierten oralen Kontrazeptiva (KOK) kann die Gestagendosis variieren, da die Estrogenwirkung an der Gebärmutterschleimhaut nicht antagonisiert werden muss. Durch den Wegfall der Estrogenkomponente können Gestagen-Mono-­Pillen auch beim Vorliegen von Risikofaktoren (Adipositas, Rauchen, Hypertonus, familiäre Thrombose­belas­tung) eingesetzt werden. Die Drospirenon-only-Pille wird im 24+4-Anwen­dungsschema eingenommen. Das sorgt für ein zykli­sches Blutungsmuster – anders als die Desogestrel-only-Pillen, die durchgenommen werden und eher zur Amenorrhoe führen. Die wichtigsten Punkte zur kontrazeptiven Sicherheit in der Zusammenfassung: Die 4-mg-Drospirenon-Pille hemmt die Ovulation effektiv. Das Präparat zeigt in den europäischen Zulassungsstudien einen sehr guten Pearl-Index von 0,7, in den USA war er – wie bei vielen anderen Studien – wegen der schlechteren Compliance höher. Die kontrazeptive Sicherheit ist auch bei übergewichtigen bzw. adipösen Frauen gegeben und die Ovulationshemmung blieb auch bei vier verspätet eingenommenen Drospirenon-Tabletten erhalten. Nach Absetzen der Pille gab es eine ­rasche Rückkehr der Ovulation. Prof. Petra Stute erläuterte, warum die 4-mg-Dosierung in der Drospirenon-only-Pille im Vergleich zu den 3 mg in der Kombinationspille niedrigere Serum­level und in der Folge weniger Nebenwirkungen wie Androgenisierung oder Akne erzeugt. Der Grund ist wahrscheinlich darin zu suchen, dass die Cytochrom- P450-Enzyme der Leber durch Ethinylestradiol ­gehemmt werden – damit auch der Abbau von ­Drospirenon.

Meet the Experts „Die Zukunft der oralen Kontrazeption ist östrogenfrei“ (Veranstalter: Exeltis Germany GmbH, Ismaning)

Kontrazeption mal Anders: Estetrol als neue Estrogenkomponente

Seit langer Zeit wurde versucht, orale Kontrazep­tiva mit Alternativen zu Ethinylestradiol (EE) zu entwickeln, um die hohe hepatische Wirkung von EE zu reduzieren. Versuche mit Estradiol scheiterten an einer schlechten Zykluskontrolle, da Estradiol im Ver­gleich zu EE im Endometrium weitaus schneller abgebaut wird, was zu einer erhöhten Zwischen­blutungsrate führt. Andere Präparate zeigten gute Ergebnisse bei den Zwischenblutungsraten, vergleichbar mit der eines niedrig dosierten KOK mit 20 µg und hoher kontrazeptiver Effektivität – allerdings zum Preis eines komplexen Dosierungsschemas. Eine neue Entwicklung, die unmittelbar vor der Marktreife steht, ist der Einsatz von Estetrol (E4) als Estrogenkomponente. Dieses natürliche Estrogen wird während der Schwangerschaft von der Leber des Feten produziert und ist 18-mal weniger potent als EE. Dr. med. Ludwig Baumgartner (Freising) stellte die biochemischen und pharmakologischen Eigenschaften von E4 vor. Im Gegensatz zu Estradiol, ­Ethinylestradiol und Estradiolvalerat hat Estetrol eine antiovulatorische Wirkung. In der klinischen Ent­wicklung ist aktuell ein Kombinationspräparat mit ­Drospirenon als Gestagenkomponente (E4/DRSP). Untersuchungen der Hämo­staseparameter über sechs Monate zeigen meist ähnliche Änderungen für E4/DRSP und EE/LNG, die beide weniger thrombogen als EE/DRSP sind. Im Endeffekt sind die Effekte niedriger mit E4 als mit den EE-Präparaten und dort wiederum geringer bei Kombination mit LNG als mit DRSP. Bezüglich der SHBG-Steigerung hatte das Präparat mit E4 die niedrigste Wirkung, gefolgt von der EE-Kombination mit LNG und DRSP. Dies wird infolge der androgenen Wirkung von Levonorgestrel interpretiert, was die Estrogenwirkung auf die Leber reduziert. Dr. Baumgartner schloss seinen Vortrag mit dem Hinweis: „Was wir über Kontrazeption wissen, müssen wir auch an die Frau bringen. Erst die Emotion, dann die Fakten. Wir müssen also hohes Wissen anhäufen, es der Patientin dann aber patientinnen­gerecht mitteilen. Das gelingt uns nur, wenn wir Konzepte haben. Dazu gehört auch, Neuerungen anzunehmen, um Optionen zu haben.“

Lunch-Symposium „Kontrazeption neu gedacht“ (Veranstalter: Gedeon Richter Pharma GmbH, Köln)

Der Mutterpass wird digital

Im Jahr 2022 ist es so weit: Der weltweit einma­lige und erfolgreiche, klassische blaue Mutterpass, in den alle Untersuchungen und Befunde während einer Schwangerschaft eingetragen werden, bekommt einen elektronischen Zwilling. Dann kann eine Schwangere entscheiden, ob der Mutterpass, der vor genau 60 Jahren durch Frauenärzte entwickelt wurde, entweder digital oder analog auf Papier geführt wird.  Der elektronische Mutterpass gleicht in Aussehen und Inhalt der gedruckten Version. Da er ab 2022 Bestandteil der elektronischen Patientenakte (ePA) sein wird, können die Einträge des E-Mutterpasses in der ePA-App auf dem Smartphone oder Tablet jederzeit aufgerufen werden. Ebenfalls können die Schwangeren über die App ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt den Zugriff auf den E-Mutterpass über die gesamte Zeit der Schwangerschaft erlauben. Die Daten, die bisher in der Papierversion aufgezeichnet wurden, werden dann künftig digital in der Praxis und einer gesicherten Cloud in der Telematik-Infrastruktur gespeichert. Dr. rer. med. Florian Fuhrmann (Berlin) stellte als Geschäftsführer der kv.digital GmbH der Kassenärztlichen Bundesvereinigung den digitalen Mutterpass vor: „Einer der Vorteile für die Schwangere ist, dass der Mutterpass weder vergessen werden noch verloren gehen kann, aber auch jederzeit verfügbar ist“, so Fuhrmann. In der Praxis werden Daten wie Laborbefunde und die Messwerte des Kindes direkt im elektronischen Mutterpass abgelegt. Als Speichermedium dient – je nachdem welche Krankenkasse die App bereitstellt – eine Telematik-Cloud, die derzeit von den Krankenkassen und der gematik GmbH gemeinsam aufgebaut wird, und als mehrfach gesichertes, geschlossenes Netzwerk für das gesamte Gesundheitswesen dienen soll. Das dürfte auch das größte Fragezeichen bei der Einführung sein. Denn die ersten Erfahrungen aus den Testgebieten mit der ePA deuten darauf hin, dass hier doch noch einiges an Feinarbeit zu verrichten ist. Dazu gehört auch die Rollenverteilung innerhalb der App. Die Schwangere soll ihre elektronische ­Patientenakte und den elektronischen Mutterpass ansehen und lesen können, aber nicht verändern. Darüber hinaus soll sie entscheiden können, wer dieses Dokument – außer der behandelnden Frauen­arztpraxis und geburtshilflichen Abteilung – zu sehen bekommt. Sie selbst kann die Aufzeichnungen sowohl am Handy als auch am PC zu ­Hause öffnen.

4. Hauptthema: Digitalisierung/E-Health
„Wegweiser durch den Digitalisierungsdschungel“ und Pressemeldung des Bundesverbands der Frauenärzte

Wann Mädchen zur Frauenärztin gehen sollten

Auch wenn Verhütung noch kein Thema ist, ist für junge Mädchen ein Termin in der frauenärztlichen Praxis eine gute Idee. Die häufigsten Gründe sind starke, lang dauernde Regelblutungen, ein Ausbleiben der Regel oder auch heftige Regelschmerzen. Ungefähr jedes zehnte Mädchen hat so starke Schmerzen vor und während der Regelblutung, dass es in der Schule nicht mehr voll konzentriert ist. „Das alles kann dazu führen, dass die Mädchen jahrelang unnötig leiden und ohne ärztliche Hilfe bleiben“, erläuterte Prof. Dr. med. ­Patricia Oppelt von der Universitäts-Frauenklinik Erlangen. Auch wenn die Blutungen länger als sieben oder mehr Tage anhalten oder die Abstände zwischen den Blutungen sehr kurz sind, sollten junge Mädchen in die frauenärztliche Sprechstunde kommen. Die Ursachen für eine Amenorrhoe liegen oft im Ernährungsverhalten, erläuterte PD Dr. med. Michael Stephan von der Klinik für Psychosomatik der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Körper „entscheidet“ bei einer Essstörung, dass nicht genug Energie vorhanden ist, um eine Schwangerschaft durchzustehen; der Zyklus wird eingestellt. Alle Gedanken kreisen am Ende nur noch um die Nahrungsaufnahme und das Vermeiden des Essens. Die Betreuung dieser Patientinnen ist ein langer Prozess, Rückschritte sind eher die Regel als die Ausnahme. „Aber es lohnt sich für alle, die Hoffnung und die Zuversicht nicht aufzugeben“, sagte Dr. Stephan.

Hauptthema „Das junge Mädchen in der Gynäkologie und Geburtshilfe“ und Pressemeldung des Bundesverbands der Frauenärzte

Blutungsstörungen in der Peri- und Postmenopause Managen

Pro und Kontra der Hormonersatztherapie (HRT) wurden auf dem FoKo ausgiebig diskutiert. Auf einen besonderen Aspekt wies Prof. Dr. med. Thomas ­Römer (Köln) hin: Patientinnen unter einer HRT leiden seltener an Postmenopauseblutungen als Patientinnen ohne eine HRT. Ein erhöhtes Risiko haben Patientinnen mit Myomen, Adenomyose, Adipositas oder bereits vorher bekannten Blutungsstörungen. Bei Beginn einer sequenziellen HRT in der Perimenopause empfiehlt es sich, laut Prof. Römer, die Estrogendosis eher niedriger und die Gestagendosis eher höher zu wählen, da meist eine Estrogendominanz bei beginnender lutealer Insuffizienz besteht. Bei der Auswahl des Gestagens sollten die speziellen Partialwirkungen berücksichtigt werden. Die kontinuierlich-kombinierte HRT sollte nur bei postmenopausalen Frauen angewendet werden. In der Perimenopause ist mit häufigen und lang anhaltenden irregulären Blutungen zu rechnen. Die Umstellung von sequenzieller auf kontinuierlich-kombinierte HRT ist möglich, wenn die doppelte Endometriumdicke zum Zyklusbeginn <  5 mm ist. Bei Beginn einer kontinuierlich-kombinierten HRT kann durch die initiale Verdopplung der täglichen Gestagendosis oder durch Vorschalten einer 10-tägigen Gestagenmonobehandlung eine schnellere Blutungsfreiheit erreicht werden. Er wies darauf hin, dass sich Frauen nach Beginn einer HRT regelmäßig bei ihrem Frauenarzt vorstellen sollten, um Wirksamkeit und Verträglichkeit zu überprüfen.

Frühstücks-Symposium „Update HRT / Orale Kontrazeptiva 2021“ (Veranstalter: Mylan Germany GmbH, Bad Homburg)

Adipositas: S3-Leitlinie in 30 Minuten

In Deutschland waren 2017 36 % der Schwangeren übergewichtig, davon hatten 14,6 % bereits einen Body-Mass-Index > 30, was der Diagnose Adipositas entspricht. Daher hat die DGGG schon 2018 eine S3-Leitlinie zum Thema Adipositas und Schwangerschaft erstellt, deren Highlights Prof. Dr. med. Ute Schäfer-Graf (Berlin) und Prof. Dr. med.Markus Schmidt (Duisburg) im Schnelldurchgang im Zuge eines Meet the Expert präsentierten. Prof. Schmidt spannte dabei den Bogen von der Fertilität über die pränatale Überwachung bis zur Geburtshilfe. Dabei wies er noch einmal darauf hin, dass die Gewichtsreduktion ein vordringliches Thema für Patientinnen mit Kinderwunsch ist. Frauenärzte sollten das Thema mit Patientinnen im fertilen Alter aktiv ansprechen und auch mögliche Lösungsansätze anbieten. Die vorliegenden Studien lassen den Rückschluss zu, dass ein Lebensstil mit vermehrter Bewegung und adäquater Ernährung präkonzeptionell positive ­Auswirkungen sowohl auf die Schwangerschaft als auch auf die Entbindung und die Zeit danach haben kann.

Meet the Expert „Adipositas – ein gewichtiges Thema in der Gynäkologie“ (Veranstalter: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz)

Der Frauenarzt Als Impfarzt

„Impfen war mehr zur Glaubensfrage geworden und es wurde mehr über Masern-Partys gesprochen als über die Relevanz dieser großartigen ­Präventionsmethode“, begann Prof. Dr. med. Frank Louwen (Frankfurt/Main) seinen Vortrag, „bis uns die Pandemie jetzt links und rechts überholt hat. Jetzt reden die Menschen über Sicherheit und wir erhalten das tägliche Update mit den Tages­themen.“ Damit bog er dann auf die Verantwortung des Frauenarztes ein, bei den impfbaren Infektionskrankheiten keine Lücken zu lassen. Dr. Alexander Heiseke (München) ging auf die Relevanz des Impfens bei Erwachsenen ein. „Wer in der Runde war als Kind an Windpocken erkrankt?“, fragte er und gab – Handzeichen sind in der virtuellen Runde nicht zu sehen – selbst die Antwort. Mehr als 90 % der heutigen Bevölkerung im „fortgeschrittenen“ Alter hat diese Viruserkrankung durchlaufen. Das verursachende Varizella-zoster-Virus kann bei diesen Menschen bei einer Reaktivierung für die Entstehung eines Herpes zoster verantwortlich sein, der vorwiegend bei immungeschwächten oder älteren Menschen vorkommt. Das Risiko für eine Reaktivierung und das gefürchtete postherpetische Schmerzsyndrom kann durch eine Impfung erheblich reduziert werden. Auch gegen Grippe und Pneumokokken sollten Ältere und Risikopatienten unbedingt geimpft werden. Dr. Britta Gartner (München) ging auf die aktuellen Impfquoten ein: „Gerade in Zeiten der Pandemie ist es wichtig, auch den Grundschutz gegen andere Infektionskrankheiten nicht zu vergessen.“ Als Hinweis für Frauenärzte ergänzte sie: „Nutzen Sie möglichst jeden Kontakt, den Impfausweis zu kontrollieren und ggf. fehlende Impfungen zu ergänzen.“ Zur ­COVID-Impfung bei Schwangeren sagte sie: ­„Aufgrund der dünnen Datenlage spricht die STIKO keine generelle Empfehlung aus, aber individuelles Abwägen bei Risikopatientinnen.“ Im letzten Vortrag ging Prof. Louwen auf die Impfung gegen Pertussis zum Schutz des Neugeborenen ein. Als Hauptüberträger für diese Risiko­gruppe gelten Mütter und enge Haushaltskon- taktpersonen. Besonders gefährdet sind Neugeborene bis zum sechsten Lebensmonat: Im Infektionsfall drohen schwere Komplikationen wie Lungenentzündungen und weitreichende Folgen bis hin zum Tod. Seit Sommer 2020 gehört die Keuchhusten-Impfung in der Schwangerschaft zur Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen, unabhängig von einer bereits vor der Schwangerschaft erfolgten Keuchhusten-Schutzimpfung.

Frühstücks-Symposium „Gynäkologie und Prävention“ (Veranstalter: GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, München)

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Bildnachweis: from2015 (iStockphoto)

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