Übelkeit und Erbrechen sind im ersten Trimenon einer Schwangerschaft häufig. In Deutschland fehlen allerdings bislang eigene nationale Leitlinien zur Therapie. Die Orientierung an internationalen Empfehlungen und konsensbasierter Initiativen sind daher ein wichtiger Schritt.
Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft (nausea and vomiting of pregnancy, NVP) zählen mit einer Prävalenz von bis zu 80 –85 % zu den häufigsten Beschwerden im ersten Trimenon. Während die Mehrzahl der Verläufe mild bis moderat ist, entwickelt ein kleiner Anteil der Betroffenen (etwa 0,3–3 %) eine Hyperemesis gravidarum (HG) mit erheblicher maternaler Morbidität und nicht selten stationärem Behandlungsbedarf. Die Abgrenzung zwischen NVP und HG erfolgt klinisch anhand von Ausmaß des Gewichtsverlusts, Dauer und Schwere der Symptomatik, Einschränkung der Alltagsaktivitäten sowie der Notwendigkeit medizinischer Interventionen, wie Prof. Dr. med. Wolfgang Paulus (Ulm) erläuterte.
Die Pathophysiologie von NVP ist multifaktoriell und bislang nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden genetische Prädispositionen, endokrine Faktoren (insbesondere hCG, Estrogene, Schilddrüsenhormone), gastrointestinale Einflüsse sowie psychosoziale Aspekte. In den vergangenen Jahren rückte zudem Growth/Differentiation Factor 15 (GDF-15) als potenziell relevanter Mediator in den Fokus, dessen Konzentrationen mit der Schwere der Symptomatik zu korrelieren scheinen.
Vor diesem Hintergrund kommt der strukturierten, stufenweisen Therapie eine besondere Bedeutung zu. Grundlage jeder Behandlung sind nicht-medikamentöse Maßnahmen, einschließlich Ernährungs- und Lebensstilanpassungen (kleine, häufige Mahlzeiten, Vermeidung triggernder Gerüche und Speisen). Ergänzend können Ingwerpräparate sowie Akupressur (P6-Punkt) bei milder Symptomatik eingesetzt werden. Bei persistierender oder moderater bis schwerer NVP ist eine medikamentöse Therapie indiziert. International gilt die Kombination aus Doxylamin und Pyridoxin als Therapie der ersten Wahl. Diese Empfehlung stützt sich auf randomisierte, placebokontrollierte Studien sowie umfangreiche Sicherheitsdaten aus mehreren Jahrzehnten Anwendung, die kein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen zeigen. Aus Patientinnenperspektive werden Sicherheit, offizieller Zulassungsstatus sowie ein anhaltender therapeutischer Effekt höher gewichtet als ein möglichst schneller Wirkeintritt oder der Preis eines Präparates.
Ein standardisiertes Instrument zur Erfassung der Symptomschwere ist der PUQE-Score, der sowohl die klinische Einschätzung als auch die Therapiekontrolle unterstützt. Insgesamt zeigt sich, dass ein frühzeitiges, evidenzbasiertes und stufenadaptiertes Vorgehen die Symptomlast reduziert und das Risiko für Komplikationen der HG minimieren kann.
In Deutschland fehlen bislang eigene nationale Leitlinien zu NVP/HG. Die Orientierung an internationalen Empfehlungen sowie konsensbasierte Initiativen stellen daher einen wichtigen Schritt dar, um Versorgungslücken zu schließen und betroffenen Schwangeren eine sichere, wirksame und patientinnenzentrierte Therapie zu ermöglichen.
Lunch-Symposium „Therapeutisches Vorgehen bei Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft – auf dem Weg zu evidenzbasierten Empfehlungen“ (Veranstalter: Exeltis Germany GmbH)