Zwischen 15 und 30 % aller chronischen Rückenschmerzen sind auf eine Problematik des Iliosakralgelenks zurückzuführen. Bei Patientinnen und Patienten mit operativen Eingriffen an der Wirbelsäule liegt der Anteil noch höher. Eine akkurate Diagnostik ist die Voraussetzung für eine gezielte Behandlung.
Das Iliosakralgelenk (ISG) ist das größte axiale Gelenk und weist die komplexeste und größte Gelenkfläche des Körpers auf. Durch das ISG hervorgerufene Schmerzen seien typischerweise im Gesäß lokalisiert, könnten aber auch zur Wirbelsäule, seltener zur Hüfte/Leiste und in die Beine ausstrahlen, sagte Dr. med. Richard Ibrahim (München).
Zur Erhärtung des Verdachts sollten klinische Tests wie der Distraktions-, Kompressions-, FABER- oder Thigh-Thrust-Test durchgeführt werden. Fallen mindestens 3 davon positiv aus, spricht dies laut Ibrahim mit je etwa 80%iger Sensitivität und Spezifität für das ISG als Schmerzquelle. Mittels Bildgebung sollten Differenzialdiagnosen wie eine Bandscheibenproblematik, eine Spinalstenose, ein Problem mit dem Hüftgelenk oder ein entzündliches Geschehen etwa bei rheumatischen Erkrankungen ausgeschlossen werden. Schließlich sollte als Bestätigung die Injektion eines Lokalanästhetikums in die Nähe des ISG zu einer signifikanten Schmerzreduktion führen (diagnostischer Block).
Therapie von konservativ zu invasiv
Auch Physio- bzw. manuelle Therapie käme immer als erstes zum Einsatz, ergänzte PD Dr. med. Simon Bayerl (Berlin). Die Ziele seien laut Dr. med. Hanns Christian Harzmann (München) die Mobilisation gelenknaher Strukturen (Ligamente) und angrenzender Gelenke, die Detonisierung der direkten und indirekten muskulären Strukturen, besonders der Hamstrings (ischiocrurale Muskulatur), und die Durchblutungsförderung. Harzmann betonte, dass Übungen zur Stabilisation und Kraft geräteunabhängig möglich seien und regelmäßig erfolgen sollten.
Lässt sich mit diesen Maßnahmen keine ausreichende Besserung erreichen, könne eine ISG-Infiltration vielen Betroffenen helfen, so Bayerl. Bleibt auch diese ohne Erfolg, sollte eine perkutane oder endoskopische Denervation erwogen werden. Laut Literatur profitierten 30 – 87 % der Betroffenen nach 6 Monaten und 12–77 % nach 12 Monaten von einer perkutanen Denervation. Allerdings gebe es hohe Rezidivraten. Bessere Langzeitergebnisse ließen sich mit endoskopischer Denervation erreichen, bei ebenfalls geringer Komplikationsrate, so Bayerl. Eine operative Fusion komme lediglich für eine sehr kleine, ausgewählte Patientengruppe infrage.
Wie Bayerl weiter berichtete, wurde nun in einer randomisierten Studie erstmals die Wirksamkeit einer peripheren Nervenstimulation bei ISG-Schmerz untersucht. Einbezogen waren Patientinnen und Patienten, bei denen die genannten Therapieansätze (ausgenommen operative Fusion) ausgeschöpft waren. Einer vorläufigen Auswertung zufolge ließ sich mit der peripheren Nervenstimulation eine Verbesserung der Schmerzen von fast 80 auf weniger als 30 VAS(visuelle Analogskala)-Punkte nach 12 Monaten erreichen. Komplikationen habe es kaum gegeben. In der Kontrollgruppe wurde mit Physiotherapie keine Besserung erzielt. Bayerl hofft, dass sich mit diesem Ansatz in Zukunft operative Fusionen vermeiden lassen – bei besserem Outcome.
DGS-3D-Symposium „Rücken- und Gelenkschmerz am Beispiel des Iliosakralgelenkes (ISG)“