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Onkologie

Komplementärmedizin

Anwenden mit Beratung

Dr. phil. nat. Miriam Neuenfeldt

30.8.2021

Bei der komplementären und alternativen Krebsmedizin gehen die Meinungen stark auseinander. Etwa 40–50 % aller onkologischen Patienten in Deutschland wollen durch ergänzende Maßnahmen zur eigenen Heilung beitragen und nutzen komplementäre und/oder alternative Methoden. Bei den Brustkrebspatientinnen sind es sogar über 90 %.[1] Oft scheuen sich die Patienten jedoch mit den behandelnden Ärzten darüber zu sprechen.

Die Komplementärmedizin umfasst Methoden, welche die konventionelle Behandlung ergänzen. Verfahren der Alternativmedizin hingegen sind als Alternative zur konventionellen Behandlung gedacht.[2] Für die Komplementärmedizin gibt es keine feste Definition. Sie umfasst ein weites Spektrum sehr unterschiedlicher Methoden. Dazu zählen der Einsatz von Naturstoffen wie Phytotherapeutika, Organextrakten, Vitaminen, Mineralstoffen oder Probiotika. Die Mind-Body-Medizin wird ebenfalls den komplementären Verfahren zugeordnet. Sie beschreibt eine große Gruppe unterschiedlicher Prozeduren und Techniken. Häufig werden Yoga, chiropraktische und osteopathische Verfahren sowie Meditation eingesetzt. Aber auch Akupunktur, Entspannungstechniken, Tai Chi, Qi Gong, Hypnotherapie, Pilates etc. zählen zu den Mind-Body-Therapien. Weitere komplementäre Methoden sind beispielsweise Ayurveda, die Traditionelle Chinesische Medizin, die Hyperthermie und die Homöopathie.[2,3]

Wer heilt, hat recht?

Im Gegensatz zur evidenzbasierten Medizin liegen für viele komplementäre Verfahren keine validen Daten zur Wirkung, Nebenwirkungen und Langzeiteffekten aus kontrollierten klinischen Studien vor. Daher ist ihr Nutzen nicht belegbar und folglich sind diese Methoden kein Bestandteil evidenzbasierter Leitlinien.[3] Doch mangelnde Evidenz ist nicht gleichbedeutend mit Wirkungslosigkeit.

Beliebte komplementäre Methoden

In Deutschland spielen insbesondere die Misteltherapie sowie Vitamine und Spurenelemente eine Rolle.[3] Mehr noch als bei Gesunden sollte bei Tumorpatienten darauf geachtet werden, dass eine ausreichende Zufuhr von Mikronährstoffen gesichert ist, da die Versorgung in mehrfacher Hinsicht gefährdet sein kann.[4] Vor der Supplementation von Mikronährstoffen ist eine Laborbestimmung empfehlenswert.[5]

Orthomolekulare Therapien

Vitamin C

In mehreren Studien konnte ein protektiver Effekt der Vitamin-C-Einnahme in Bezug auf verschiedene Tumorentitäten gezeigt werden. Eine verminderte Mortalität wurde bisher nur bei Patientinnen mit Mammakarzinom gezeigt. Eine Ernährung reich an Antioxidantien wie Vitamin C kann zur Senkung des Krebsrisikos empfohlen werden.[5]

Es gibt zudem Anhaltspunkte dafür, dass eine Verbesserung von Faktoren der Lebensqualität durch die hochdosierte Gabe von Vitamin C möglich sein könnte.[6] So zeigt eine Auswertung von fünf klinischen Studien und zwei Fallstudien, dass hochdosierte Vitamin-C-Infusionen die Lebensqualität der onkologischen Patienten verbessern kann und positiven Einfluss auf die Fatigue hat.[7]

Vitamin D

Besonders bei Patienten mit Malignomen werden Mangelzustände von Vitamin D beobachtet.[4,8] Hinsichtlich einer krebspräventiven Wirkung von Vitamin D sind die Daten weiterhin inkonsistent. Jedoch sollte ein gemessener Vitamin-D-Mangel ausge­glichen werden, wobei optimale 25-OH-D-Plasmaspiegel von 40–60 ng/ml bzw. 100–150 nmol/l empfohlen sind. Bezogen auf den Verlauf einer Tumorerkrankung zeigt sich ein positiver Einfluss eines höheren 25-OH-D-Spiegels auf die Prognose bei kolorektalen Tumoren, Mammakarzinomen[9], aggressiven B-Zell-Lymphomen, Prostatakarzinomen, Bronchialkarzinomen und metastasierten malignen Melanomen. In der Palliativmedizin kann eine Vitamin-D-Supplementation zu einer verbesserten Lebensqualität mit weniger Schmerzen und geringerem Opioidbedarf führen.[10]

Selen

Es zeigt sich eine inverse Korrelation zwischen der Selenaufnahme und/oder dem Selenstatus und der Krebsinzidenz und Mortalität hinsichtlich vieler Tumorentitäten. Zudem kann die Verträglichkeit onkologischer Therapien mit höheren Selenwerten im Blut signifikant gesteigert werden. Daher sollte ein Selenmangel vor einer onkologischen Therapie ausgeglichen werden. Um Überdosierungen zu vermeiden, sollte der Einsatz anorganischer Präparate (Selenat, Selenit) den organischen vorgezogen werden, da das im Körper nicht gebrauchte Selen sofort renal und pulmonal ausgeschieden wird.[11]

Zink

In der prospektiven, bevölkerungsbasierten Rotterdam-Studie zeigte sich, dass eine höhere Zinkaufnahme mit einem um 42 % reduzierten Risiko für Lungenkrebs assoziiert war.[12] Eine dauerhafte Zinksupplementation ohne nachgewiesenen Mangel wird aufgrund eines erhöhten Prostatakarzinom­risikos nicht empfohlen. Bei Entzündungen, insbesondere bei Mukositis, kann jedoch die lokale Anwendung von Zink hilfreich sein.[13]

Omega-3-Fettsäuren

In einer populationsbasierten Follow-up-Studie aus den USA konnte belegt werden, dass eine Ernährung reich an antiinflammatorischen Omega-3-Fettsäuren die Gesamtmortalität bei Patientinnen nach Brustkrebs senkt.[14] Als Nahrungsbestandteil sind Omega-3-Fettsäuren positiv zu bewerten. Vermutlich schützen sie vor Gewichts- und Muskelmassenverlust. Die Adhärenz bei Fischölkapseln ist jedoch gering, daher empfiehlt sich, eine Beratung bezüglich einer an Omega-3-Fettsäuren-reichen Ernährung in Anspruch zu nehmen.[15]

Phytotherapien

Boswellia

Die Ergebnisse aus zwei klinischen Studien und zwei Beobachtungsstudien (Fallreihen) geben zwar Anhaltspunkte für günstige Effekte von Boswelliaextrakten auf das perifokale Hirnödem, allerdings ist die Evidenz noch als gering zu betrachten. Demnach können noch keine gesicherten Aussagen über die Wirkungen von oral eingenommenen Boswelliasäuren oder Boswelliaextrakten bei Hirntumoren beim Menschen getroffen werden.[16]

Cannabis

Cannabis kann als ergänzende Therapie bei opiatrefraktären Tumorschmerzen hilfreich sein. Nach Ausschöpfen der Standardmedikation ist Cannabis eine Option bei Chemotherapie-bedingter Übelkeit und Erbrechen oder zur Appetitanregung bei Kachexie.[17]

Ingwer

Ingwer kann aufgrund verschiedener Effekte Chemotherapie-bedingte Nausea und Emesis lindern.[18] Mehrere randomisierte Studien zeigten signifikant positive Effekte von Ingwer in Kombination mit 5-HT3-Antagonisten.[19]

Mistel

Aus 18 kontrollierten klinischen Studien gibt es Evidenz dafür, dass sich Mistelpräparate positiv auf die Lebensqualität während einer Chemotherapie auswirken. In sieben von vierzehn kontrollierten klinischen Studien zeigte sich auch eine Verbesserung des Überlebens. Aufgrund methodischer Mängel der klinischen Studien ist die Aussagekraft der Ergebnisse allerdings noch begrenzt und lässt keine eindeutigen Empfehlungen für die Behandlungspraxis zu.[20]

Homöopathie

Beispielhafte homöopathische Anwendungen sind Arnika C 30 vor und nach der Operation oder Nux vomica (Brechnuss) C 30 vor und nach Chemotherapie gegen Übelkeit und Erbrechen. Jedoch gibt es weiterhin für die Homöopathie weder einen potenziellen Wirkmechanismus, der im Einklang mit der wissenschaftlichen Medizin steht, noch einen Nachweis einer klinischen Wirksamkeit, der über den Placeboeffekt hinausgeht.[21]

Mind-Body-Therapien

Es konnten bereits in mehreren Reviews die positiven Auswirkungen verschiedener Mind-Body-Therapien als supportive Therapie gezeigt werden, insbesondere bei Schmerz, Depression, Angst, Fatigue, Schlafstörungen, Stress, sexuellen Problemen, körperlicher Aktivität und der Immunfunktion.[22]

Was ist zu beachten?

Einer retrospektiven Beobachtungsstudie zufolge verzögern oder verweigern Krebspatienten, die komplementäre Methoden nutzen, häufiger konventionelle Behandlungen und steigern somit ihre Mortalitätsrate.[23] Viele Patienten wollen durch Anwendung komplementärer und/oder alternativer Verfahren sich selbst aktiv an der Besserung des eigenen Befindens beteiligen können. Daher sollte der behandelnde Arzt diesen Wunsch nach Beteiligung unbedingt ernst nehmen und eine entsprechende Beratung anbieten (s. Infobox). Dadurch kann das Arzt-Patient-Vertrauensverhältnis gestärkt werden. Das ist bedeutsam für die Therapietreue. Zudem gaben Patienten als primären Grund sich nach komplementären Therapien umzuschauen an, dass Anbieter komplementärer und alternativer Therapien sich mehr Zeit nehmen würden.[3] Eine Aufklärung und Beratung von Patienten zu den möglichen Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit der konventionellen Therapie ist ebenfalls notwendig (s. Infobox). Beispielsweise kann der Einsatz von Antioxidantien die Wirkung von zeitgleich verabreichter Chemo- und/oder Strahlentherapie beeinträchtigen. Hierzu gehören Vitamin C, E und Betacarotin.[24] Das Kompetenznetz Komplementärmedizin in der Onkologie (KOKON) hat zusammen mit dem internationalen Forschungsprojekt CAM-Cancer eine Datenbank zur Wirksamkeit und Sicherheit komplementärmedizinischer Verfahren sowie zu möglichen Wechselwirkungen aufgebaut, die auf dem Informationsportal der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) Onkopedia veröffentlicht ist.[25] Es ist zudem die Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen“ angemeldet. Ihre Fertigstellung ist zum 30.11.2020 geplant.[26]

Beratung zur komplementären und alternativen Medizin (KAM)

Entsprechend der Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Onkologie (PRIO) der Deutschen Krebsgesellschaft sollte eine KAM-Beratung in das onkologische Gesamtkonzept für den jeweiligen Patienten eingebunden sein. Die folgenden Punkte sollten bei einer KAM-Beratung berücksichtigt werden:

Allgemeine Inhalte

• Was ist komplementäre und alternative Medizin?

• Unterschied zwischen komplementärer und alternativer Medizin?

• Bedeutung der klinischen Studien

• Bedeutung der Übereinstimmung mit Konzepten der Schulmedizin

Nutzen und Risiken komplementärer und alternativer Medizin

• Nutzen: Supportive und seelische Wirkung sowie Autonomie

• Risiken: Nebenwirkungen und Interaktionen

Bedeutung von Bewegung und gesunder Ernährung

Bewegung

• Während der Therapie

• In der Erholungsphase

• Zur Tertiärprävention und Primärprävention von Zweitmalignomen

Ernährung

• Während der Therapie

• In der Erholungsphase

• Zur Tertiärprävention und Primärprävention von Zweitmalignomen

Die Autorin

Dr. phil. nat. Miriam Neuenfeldt
Wissenschaftliche
Autorin & Referentin
18439 Stralsund

info@phar-med.de
www.phar-med.de

[1] http://prio-dkg.de/komplementaere-und-alternative-medizin/ (Zugriff am 26.02.2019)
[2] https://nccih.nih.gov/health/integrative-health#hed1 (Zugriff am 26.02.2019)
[3] www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/therapieformen/komplementaere-medizin-moeglichkeiten-und-grenzen.html (Zugriff am 26.02.2019)
[4] AWMF-Register-Nr. 073 – 006, Stand: 31.10.2015
[5] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG). Faktenblatt: Vitamin C, Oktober 2018
[6] www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/vitamin-c-hochdosiert/@@view/html/index.html (Zugriff am 26.02.2019)
[7] Carr AC et al., Front Oncol 2014; 4: 283
[8] Strohle A, Zanker K, Hahn A, Oncol Rep 2010; 24: 815–828
[9] Hu K et al., Integr Cancer Ther 2018; 17(2): 217–225
[10] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), Faktenblatt: Vitamin D, Oktober 2018
[11] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der DKG, Faktenblatt: Selen, Oktober 2018
[12] Muka T et al., European J Nutr 2017; 56(4): 1637–1646
[13] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der DKG, Faktenblatt: Zink, Dezember 2018
[14] Khankari NK, Cancer 2015; 121(13): 2244–2252
[15] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der DKG, Faktenblatt: Omega-3-Fettsäuren, September 2018
[16] www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/boswellia-spp-weihrauch/@@view/html/index.html (Zugriff am 26.02.2019)
[17] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der DKG, Faktenblatt: Cannabis und Cannabinoide, Januar 2019
[18] Marx W et al., Crit Rev Food Sci Nutr 2017; 57(1): 141–146
[19] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der DKG, Faktenblatt: Supportive Therapie, September 2018
[20] www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/mistel-viscum-album/@@view/html/index.html (Zugriff am 26.02.2019)
[21] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der DKG, Faktenblatt: Homöopathie, September 2018
[22] Prävention und Integrative Onkologie eine Arbeitsgemeinschaft der DKG, Faktenblatt: Mind-Body-Therapien, November 2018
[23] Johnson SB et al., JAMA Oncol 2018; 4(10): 1375–1381
[24] AWMF-Register-Nr. 032-045OL
[25] www.kompetenznetz-kokon.de/wissensbasis (Zugriff am 26.02.2019)
[26] www.awmf.org/leitlinien/detail/anmeldung/1/ll/032-055OL.html (Zugriff am 27.02.2019)

Bildnachweis: VladSt (iStockphoto); privat

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