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Onkologie

Vom Konzept in die Praxis

Integrative Therapie der oralen Mukositis bei Chemotherapie

Prof. Dr. med. Karsten Münstedt, Dr. med. Heidrun Männle

30.8.2021

Gerade in der Onkologie sind integrative Konzepte aus Schul- und Alternativmedizin gefragt. Doch bei allem Patientenwunsch nach sanften und natürlichen Methoden sollten vier Aspekte Grundlage der Betrachtungen sein: Effektivität, Sicherheit, Kosten und Verfügbarkeit. Wir stellen ein solches Konzept am Beispiel der Therapie der oralen Mukositis vor.

Das Bedürfnis von Krebspatienten nach natürlicher und sanfter Medizin ist riesig. Viele wählen eine Methode aufgrund von Empfehlungen von Freunden, aber auch von Ärzten, die häufig nur wenig von der Thematik verstehen. Daher ist es essenziell, dass wir Patienten zunächst einmal qualifiziert beraten, denn ein solches Angebot ist ansonsten leider nicht flächendeckend verfügbar. Schon vor mehr als 15 Jahren wurde ein Konzept entwickelt, wie Behandlungsempfehlungen auf der Basis von Wirksamkeit und Sicherheit getroffen werden sollten (s. Abb. 1).[1] Dieser Prozess sollte bei interessanten Methoden in einem zweiten Schritt um die Faktoren Kosten und Verfügbarkeit ergänzt werden (s. Abb. 2). Kosten sind vor allem immer dann von Bedeutung, wenn sie vom Patienten getragen werden müssen. Bei integrativer Medizin ist das oft der Fall. Zu bevorzugen sind in der Regel Methoden, die nicht an Therapeuten gebunden sind, sondern vom Patienten selbst angewendet werden können – unabhängig von den Dienst- und Praxiszeiten. Diese Methoden sind preisgünstig und tragen darüber hinaus zur Patienten­autonomie bei. Manchmal muss man nur nach passenden Alternativen suchen: Beispielsweise kann eine Akupressur vom Patienten erlernt werden, während eine Akupunktur eher einen geschulten Therapeuten erfordert. Für die verschiedenen Probleme, die im Rahmen einer dann „integrativ“ zu nennenden Therapie angegangen werden, sollten Algorithmen aufgestellt werden, anhand derer eine Priorisierung erfolgt. Nachfolgend wird am Beispiel der Prophylaxe und Therapie der oralen Mukositis bei Chemotherapie erläutert, wie ein mögliches integratives Therapiekonzept aussehen könnte.


Orale Mukositis als systematisches Beispiel

Viele Patienten unter Chemotherapie leiden an einer oralen Mukositis. Und suchen Hilfe – auch im Internet. Auf den ersten Seiten einer Google-Suche finden sie dann unter den Stichworten Mundschleimhautentzündung und Chemotherapie eine ganze Reihe von Methoden. Wenn man diese Informationen mit Ergebnissen von Studien in PUBMED abgleicht, zeigt sich, dass kaum eine Empfehlung durch Studien untermauert ist. Schlimmer noch: Viele stehen nicht im Einklang mit den Empfehlungen der S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen Patienten.[2] Schauen wir uns ein paar der Ergebnisse im Detail an:

• Salbei / Salviathymol: keine Studien

• Kamillenextrakt: Eine Studie weist auf die Wirksamkeit einer 1%igen Kamillenmundspüllösung gegenüber Placebo nach, nicht jedoch einer 0,5%- oder 2%igen Lösung.[3] Eine andere bestätigt den Effekt allgemein.[4]

• Spezielle Mundspültees (z. B. Ontocur MucoPads): keine Studien

• Silicea Balsam: keine Studien. Eine Creme, die ­Dioctahedral Smectit und Jodglycerol enthielt, erwies sich als wirksam.[5]

• Ölkauen (Sonnenblumenöl): keine Studien

• Traumeel-Tabletten und Traumeel-Ampullen: 2001 hatten Oberbaum und Mitarbeiter in einer Phase-II-Studie an 32 Patienten gezeigt, dass Traumeel wirksam ist. Einer Studie an 195 Patienten, die die Ergebnisse der ersten Studie bestätigen sollte, gelang das nicht.[6]

• Vorbeugend während der laufenden Chemoinfusion Eiswürfel lutschen: Eine Metaanalyse belegt die Wirksamkeit dieser Intervention.

• Heilerde: keine Daten

• Glutamin: Einige Studien sprechen für die Wirksamkeit,[7] andere dagegen.[8]

• Palifermin: Einige Studien sprechen für die Wirksamkeit,[9] andere dagegen.[10]

• Pfefferminzöl (Mentha piperita): Eine Studie an 40 Patienten fand positive Effekte.[11]

Bei Durchsicht der medizinischen Literatur in PUBMED finden sich Hinweise zu weiteren Methoden, die im Rahmen einer Google-Suche nicht erwähnt werden.

• Ein systematisches Review und Metaanalyse auf der Basis von acht Studien bestätigte die Wirksamkeit einer Low-Level-Lasertherapie, auch Laser-Photo-Therapie, Soft-Laser oder Kalt-Lichttherapie genannt.[12]

• Ein Review zu Honig fand dessen Nützlichkeit in vier Studien bestätigt.[13] Auch in der Kombination mit Kaffee scheint Honig wirksam zu sein.[14]

• Während die Einzelsubstanzen Kamille und Pfefferminzöl nicht geprüft wurden, haben sich Kombinationstherapien von Extrakten aus Kamille und Pfefferminz oder Kamille, Pfefferminz und Thymian durchaus als sinnvoll herausgestellt.[15,16]

• Bienenkittharz (Propolis) erwies sich in einer Studie an 60 Patienten als wirksam,[17] eine andere Studie wies auf die Wirksamkeit einer Mischung von Honig, Bienenwachs und einem Olivenöl-Propolis-Extrakt hin.

• Die Bedeutung der professionellen Mundpflege (Instruktionen zur Mund- und Zahnpflege, Ernährung und Lebensstil) und einer wöchentlichen Entfernung von Zahnbelägen konnte in einer weiteren Studie gezeigt werden.[18]


Pragmatischer Ansatz

Die Studienlage ist also unübersichtlich. Trotzdem kann man auch ohne systematische Analyse aller möglichen Varianten einen Algorithmus erstellen, mit dem Patienten ihre Mukositis evidenzbasiert behandeln können. Im Fall der Mukositis könnte der so aussehen:

1. Basistherapie (Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen Patienten):

a. Mundspülung (= regelmäßige Mund­befeuchtung)

b. Pflege der Zähne mit einer weichen Zahnbürste

c. Reinigung der Zahnzwischenräume mit Zahnseide und / oder Interdentalbürsten

d. Vermeidung von Noxen (Alkohol- oder zuckerhaltige Lösungen, Tabak, scharfe und heiße Speisen, säurehaltige Lebensmittel)

2. Vorbeugendes Lutschen von Eiswürfeln während der laufenden Chemoinfusion

3. Honig, ggf. in Kombination mit Kaffee oder Bienenwachs, und Olivenöl-Propolis-Extrakt

4. Low-Level-Lasertherapie

5. Kamillen- und / oder Pfefferminzextrakte, evtl. in Kombination mit Thymian

6. Professionelle Mund- und Zahnreinigung sowie Beratung zu Ernährung und Lebensstil

Und wundern Sie sich nicht, wenn unsere Bewertung teilweise von der Leitlinie abweicht: Die Leitlinie wurde 2017 herausgegeben, greift folglich auf Literatur von 2016 oder früher zurück und ist damit nicht mehr ganz aktuell. Falls mit den beschriebenen Methoden kein Erfolg erreicht werden kann, können weitere in Betracht gezogen werden: Glutamin, Palifermin, Propolis oder Curcumin. Ölkauen, Traumeel und Heilerde sollten nicht angewendet werden, da zu diesen Methoden keine Daten vorliegen oder Daten, welche die Wirksamkeit widerlegen. Weitere nicht empfehlenswerte Methoden sind in der Leitlinie „Supportive Therapie bei onkologischen Patienten“ genannt.[2]

Der Autor

Prof. Dr. med. Karsten Münstedt
Ortenau Klinikum
Offenburg-Gengenbach
Frauenklinik

karsten.muenstedt@web.de

Die Autorin

Dr. med. Heidrun Männle
Ortenau Klinikum
Offenburg-Gengenbach
Frauenklinik

heidrun.maennle@ortenau-klinikum.de

[1] Cohen MH et al., Ann Intern Med 2002; 136: 596–603
[2] S3-Leitlinie Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen (Version 1.1); Abruf 26. Juli 2019
[3] Braga FT et al., Cancer Nurs 2015; 38: 322–329
[4] Renani HA et al., J Mazandaran Univ Med 2012; 21: 19–25
[5] Lin JX et al., Eur J Oncol Nurs 2015; 19: 136–141
[6] Sencer SF et al., Bone Marrow Transplant 2012; 47: 1409–1414
[7] Peterson DE et al., Cancer 2007; 109: 322–331
[8] Ward E et al., Eur J Clin Nutr 2009; 63: 134–140
[9] Lucchese A et al., Minerva Stomatol 2016; 65: 43–50
[10] Blijlevens N et al., Bone Marrow Transplant 2013; 48: 966–971
[11] Ashktorab T et al., Koomesh 2010; 12: 8–13
[12] He M et al., Eur J Pediatr 2018; 177: 7–17
[13] Friend A et al., J Trop Pediatr 2018; 64: 162–168
[14] Raeessi MA et al., BMC Complement Altern Med 2014; 14: 293
[15] Tavakoli Ardakani M et al., Complement Ther Med 2016; 29: 29–34
[16] Mutluay Yayla E et al., Complement Ther Med 2016; 27: 58–64
[17] Piredda M et al., Eur J Cancer Care 2017; 26. doi: 10.1111/ecc.12757
[18] Saito HK et al., Support Care Cancer 2014; 22: 2935–2940
[19] https://nccih.nih.gov/, Abruf 26. Juli 2019

Bildnachweis: Bigmouse108 (iStockphoto); privat

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