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Fokus Naturmedizin

Traditionelle Chinesische Medizin

Medizinalpilze bei kardiovaskulären Erkrankungen

Yasmin Niederstenschee

4.8.2026

Ob Reishi-Kaffee, Cordyceps-Kapseln oder Chaga-Tee – Medizinalpilze sind längst im Mainstream angekommen. Doch was Patientinnen und Patienten begeistert kaufen, ist wissenschaftlich weit weniger belegt, als die Anbieter suggerieren.

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind weltweit die führende Todesursache. Viele Betroffene suchen aktiv nach komplementären Strategien. Medizinalpilze stoßen dabei auf wachsendes Interesse: Angetrieben durch den Megatrend der funktionalen Lebensmittel und eine zunehmende wissenschaftliche Auseinandersetzung, verzeichnet der globale Markt für Pilzextrakte deutliche Zuwächse [1,2]. In der Traditionellen Chinesischen Medizin seit Jahrtausenden praktiziert und dort Bestandteil medizinischer Leitlinien, gelangen Medizinalpilze heute über Social ­Media und Online-Shops in westliche Haushalte.

Wirkmechanismen und Evidenzlage

Reishi (Ganoderma lucidum), Auricularia (A. auricula), Shiitake (Lentinula edodes) und Cordyceps (C. sinensis bzw. C. militaris) stehen bei kardiovaskulären Frage­stellungen im Fokus der Forschung. Zu ihren therapeutisch relevanten Bioaktivstoffen gehören Triterpene, saure Polysaccharide, Eritadenin, Cordycepin und Beta-Glucane [3,4]. Triterpene aus Reishi ­wirken antioxidativ und blockieren in vitro das Angiotensin-Converting-Enzym (ACE) sowie die Thrombozytenaktivierung. Eritadenin aus Shiitake hemmt das Schlüsselenzym der Cholesterinsynthese in vitro – am gleichen Angriffspunkt wie Statine, jedoch mit deutlich geringerer Effektgröße. Saure Polysaccharide aus Auricularia weisen antikoagulatorische und thrombozytenhemmende Eigenschaften über Antithrombin-vermittelte Mechanismen auf. Cordycepin vermittelt eine Vasodilatation über den Stickstoffmonoxid(NO)-Signalweg und schützt das Myokard im Tiermodell vor Ischämieschäden [3,4,5]. Für Auricularia fehlen robuste klinische Studien trotz überzeugender Präklinik [6]. Bei Cordyceps gibt es präklinische und erste klinische Evidenz für günstige Effekte auf Ischämie, Hypertonie und Arrhythmie [5].

Tierstudien bestätigen kardioprotektive Wirkungen. Das zentrale Problem liegt jedoch in der Übertragbarkeit, besonders bei Polysacchariden mit schlechter oraler Bioverfügbarkeit [3,5]. Ein Cochrane-Review zu Reishi konnte keinen konsistenten Effekt auf Blutdruck, Lipidprofil oder Glucose ausmachen; das stärkste Signal ergab sich für blutzuckersenkende Effekte bei Typ-2-Diabetes [7]. Eine kontrollierte Studie beim metabolischen Syndrom kam zum gleichen Ergebnis, man bemängelte hier zudem das hohe Biasrisiko früherer positiver ausgefallener Studien [8].

Ein aktuelles systematisches Review und eine Metaanalyse bestätigen: Für kardiovaskuläre Kernparameter wie Blutdruck, Lipidprofil und Entzündungsmarker sind keine signifikanten Effekte nachweisbar [9]. Die Autorengruppe diskutiert als Erklärung vor allem die begrenzte Bioverfügbarkeit der Bioaktivstoffe sowie die zu kurzen Studiendauern. Ein umfassendes Review bestätigt die gute Verträglichkeit der Präparate beim Menschen, hebt aber die begrenzte Zahl abgeschlossener klinischer Studien hervor [5]. Erschwerend kommt hinzu, dass die Mehrheit der Primärstudien aus China und Japan stammt, Placebo-Kontrolle und Verblindung häufig unzureichend und die Teilnehmerzahlen selten dreistellig sind. Studienvergleiche werden außerdem aufgrund fehlender Produktstandardisierung erschwert [10].

Qualität, Sicherheit und Wechselwirkungen

Medizinalpilz-Supplemente gelten in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel. Sie müssen vor dem Markteintritt weder zugelassen noch klinisch geprüft werden. Qualitätsmängel betreffen jedoch nicht nur die Wirksamkeit, sondern auch die Sicherheit: Pilze sind biologische Akkumulatoren für Schwermetalle. Untersuchungen an importierten Naturheilmitteln belegen, dass mangelnde Qualitätskontrollen in den Herkunftsländern zu hohen Konzentrationen an Quecksilber, Blei oder Cadmium führen können [11]. Bei Produkten ohne transparente Schadstoffprüfung (vor allem bei Importen aus Fernost) ist daher ­besondere Vorsicht geboten.

Klinisch bedeutsame Wechselwirkungen sind bislang nicht systematisch untersucht, aber plausibel: Auricularia und Reishi verstärken möglicherweise die Blutungsneigung unter Acetylsalicylsäure, Clopido­grel oder oralen Antikoagulanzien (direkte orale Antikoagulanzien [DOAK], Marcumar) [12,13]. Für Cordyceps und Reishi ist eine vasodilatative und ACE-Hemmer-ähnliche Wirkung beschrieben, daher ist bei der Kombination mit Antihypertensiva Vorsicht geboten [3,4].

Pilze haben Zellwände aus Chitin, einem schwer verdaulichen Polymer. Was in der Petrischale wirkt, kommt über den menschlichen Darm möglicherweise kaum an. Eine Heißwasserextraktion löst wasserlösliche Polysaccharide (Beta-Glucane) und entspricht der traditionellen ostasiatischen ­Zubereitung als Dekokt. Die Alkoholextraktion erschließt fettlösliche Triterpene. Für Reishi und Chaga ist eine duale Extraktion sinnvoll, da beide Verbindungsklassen therapeutisch relevant sind [3,5].

Hinzukommen substanzspezifische Probleme: Cordycepin wird rasch durch Adenosin-Desaminase abgebaut; Ganodersäuren sind lipophil und oral schlecht bioverfügbar. Für die Produktauswahl gilt: Hochwertige Extrakte sollten mindestens 20 –30 % Beta-Glucane enthalten. Diesen Wert verfehlen viele Produkte, besonders wenn der Pilz auf Getreide gezüchtet wird. Das stärkehaltige Substrat landet oft im Pilzendprodukt und täuscht im Labor einen hohen ­Polysaccharidgehalt vor [5].

Eine adjuvante Nutzung von Medizinalpilzen als Teil einer herzgesunden Ernährung (Shiitake, ­Auricularia als Speisepilze) gilt als vertretbar und risikoarm. Bei Supplementen sollte jedoch eine kritische Qualitätsprüfung erfolgen. Patientinnen und Patienten sollten offen über die ­Evidenzlage informiert werden und mögliche Wechselwirkungen im Blick behalten.

  1. Aguiar LVB et al., Fermentation 2026; 12(4): 173
  2. Niego AG et al., J Fungi 2021; 7(5): 397
  3. Rauf A et al., Phytother Res 2023; 37(6): 2644–60
  4. Fitsum S et al., Food Sci Nutr 2025; 13(7): e70611
  5. Sadowska A et al., Molecules 2026; 31(10): 1749
  6. Yoon SJ et al., Thromb Res 2003; 112(3): 151–8
  7. Klupp NL et al., Cochrane Database Syst Rev 2015; 2015(2): CD007259
  8. Klupp NL et al., Sci Rep 2016; 6: 29540
  9. Jafari A et al., Food Sci Nutr 2025; 13(6): e70423
  10. Uffelman CN et al., Nutrients 2023; 15(5): 1079
  11. Budnik LT et al., J Occup Med Toxicol 2016: 11: 49
  12. Poniedziałek B et al., Nutrients 2019; 11(12): 3040
  13. Bian C et al., Molecules 2022; 27(15): 4831
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